Lesen und lesen lassen

keller-mordspensum-cover

Der junge Bursche versuchte sich an einem charmanten Lächeln.  »Aber sagen Sie mal – sind Sie nicht zu attraktiv für diesen harten Beruf?«

Die Kommissarin blieb unbeeindruckt.

»Jedenfalls bin ich hart genug für diesen attraktiven Beruf.«

»Oho! Schlagfertig ist sie auch noch …«

Als in einem Schleusenbecken eine weibliche Leiche gefunden und als Imbissbesitzerin identifiziert wird, vermutet die Polizei einen Raubmord. Der diensterfahrene Kriminalhauptkommissar Karl-Heinz Gräber eckt an, weil er auch andere Motive in Betracht zieht. Wider Erwarten wird nicht er zum Leiter der Mordkommission „Schleuse“ berufen, sondern der ehrgeizige Kollege Schonebeck. Der beschäftigt Gräber vorerst im Innendienst. Dort soll sich Gräber um einen Neuzugang kümmern, Sabine Kühne, eine junge Kommissarin frisch von der Polizeischule. Die unerfahrene Kühne wird von den Männern der Kriminalwache belächelt. Auch von Gräber. Schon bald aber erwirbt sie dessen Respekt.

Wenig später kommt ein Barbesitzer ums Leben. Eine weitere Mordkommission wird zusammengestellt, Gräber erneut übergangen. Dann aber braucht man ihn doch als Ermittlungsleiter, denn aus dem Umland wird ein weiterer Mord gemeldet. Sabine Kühne assistiert. Und das ungleiche Paar hat Erfolg …

„Mordspensum“ spielt Mitte der Achtzigerjahre. Die Kriminalisten müssen ohne Handys auskommen, Computer gehören noch nicht zur Ausstattung, unterwegs arbeitet man statt mit dem Laptop mit der Reiseschreibmaschine. Die Dienstfahrzeuge sind nicht in bestem Zustand. Nena feiert erste Erfolge, U2 machen auf sich aufmerksam, die Damen tragen Karottenhosen und übergroße Blazer, die Herren Schulterpolster, weiße Tennissocken und Bundfaltenjeans.

Noch gibt es Standorte der britischen Rheinarmee in Deutschland. Weil im zweiten Mordfall Truppenangehörige als Zeugen gesucht werden, wird die Special Investigation Branch um Amtshilfe gebeten. Die deutschen Kollegen ahnen nicht, dass auch der Auslandsgeheimdienst MI6 einen Stützpunkt auf dem Kasernengelände unterhält … Tatsächlich führt eine Spur nach Nordengland in die Nähe von Manchester – und wieder zurück nach Deutschland.

ISBN 978-3-946938-63-7, Broschur, 352 Seiten. Überall wo es Bücher gibt und direkt beim Oktober Verlag, Münster, mail@oktoberverlag.de.

* * * * *

cover-wenn-dein-schrei-1.6-blau-25.3.2022-1

Der Mord an einer alleinstehenden Bibliothekarin gibt der Osnabrücker Mordkommission um Hauptkommissarin Bea Agarius Rätsel auf. Die Tote wurde auf dem Gertrudenberg im Bürgerpark gefunden. In einer eigenartigen Position. Mit ihrem Hund an ihrer Seite. Nur wenig später verschwindet eine junge Studentin. Ihre Mitbewohnerin macht sich Sorgen. Und begibt sich auf die Suche. In einem nahen Seniorenstift fantasiert ein dämmernder Bewohner von einem „Ropenkerl“. Einer Osnabrücker Sagengestalt. Pflegerin Asli Ozcan weiß nichts damit anzufangen. Bis sie dem „Ropenkerl“ unvermittelt gegenübersteht …

ISBN-13: 9783946938644, 272 Seiten. Überall wo es Bücher gibt und direkt beim Oktober Verlag, Münster, mail@oktoberverlag.de.

* * * * *

Hoofdinspecteur Karel van Barenveld hat sich nach einer beruflichen und privaten Krise aus Amsterdam nach Den Helder versetzen lassen. Eine ruhige Umgebung, in unmittelbarer Nähe zum Meer. Doch auch hier erwarten ihn ausgefüllte Arbeitstage. Ein Cadillac, der in einer bekannten TV-Serie als Requisit diente, steht in Flammen, in den Blumenfeldern wird eine verwirrte Frau aufgegriffen, in einem alten Wehrmachtsbunker wartet eine Leiche …

„Ein schöner Tag für den Tod”, 252 Seiten, Neuauflage in Vorbereitung

* * * * *

Weiterhin erhältlich ist „Die Nacht mit dem Holenkerl”. Die Erzählung basiert auf der norddeutschen Sage vom Holenkerl, der nachts verirrten Wanderern auflauerte, auf ihren Rücken sprang und sie zu Tode ritt. Die russische Folklore kennt ein ähnliches Volksmärchen. Nikolai Gogol verarbeitete es in der Erzählung „Der Wij”.

Die hier vorgelegte Version spielt in der Gegenwart, mischt Grusel und Science Fiction und beginnt mit vier Teenagern, die eine Halloween-Party im Osnabrücker Nordkreis besuchen möchten, wo sie jedoch nie ankommen werden …

„Die Nacht mit dem Holenkerl, 160 Seiten, Epubli, 7,99 Euro (auch als E-Book)

* * * * *

Früh am Morgen ist Hauptkommissar Björn Lohse auf der A 3 unterwegs zu seiner Limburger Dienststelle, als er von dort telefonisch umdirigiert wird. In einer großen Reha-Klinik am Taunusrand hat es ein Gewaltdelikt gegeben. Die örtlichen Kollegen sind sich sicher: Fremdeinwirkung.
Der Augenschein gibt ihnen recht. Auf Lohse wartet ein fürchterlicher Anblick. Eine Mitarbeiterin der Verwaltung ist brutal ermordet worden. Die Mordkommission steht unter Zeitdruck: Täglich werden Patienten entlassen. Einer von ihnen könnte der Täter sein.
Oder die Täterin.
Der Fall erfordert Ermittlungen in mehreren Richtungen. Die Tote hatte sich in und außerhalb der Klinik viele Feinde gemacht. Rache? Eine Eifersuchtstat?
Oder wollte jemand eine unliebsame Zeugin zum Schweigen bringen?
Lohse und seine Mitarbeiter beziehen Posten in der Klinik, inmitten des Kurbetriebs.
Stets kritisch beäugt von Patienten und Ärzten …

Fachurteil:

»„Tod auf dem Zauberberg“ ist ein klassischer Whodunit, angelegt als spannendes Police-Procedural. Projiziert auf den sehr eigenen Kosmos einer modernen Rehaklinik, wird die Aufklärung eines brutalen Mordes mit großer Sachkenntnis, viel Liebe zum Detail und feinem Humor erzählt. Sehr unterhaltsam.« Norbert Horst, Kriminalhauptkommissar a. D., Krimiautor, Glauser-Preisträger

Pressestimmen:

»Harald Keller hat sich für seine Kriminalgeschichte eine Reha-Klinik als Tatort ausgesucht. Mit „Tod auf dem Zauberberg (…)“ ist ihm ein spannungsgeladener Kriminalroman gelungen.« mkun, „Neue Osnabrücker Zeitung“

»Empfehlen – quasi als Joker – kann ich durchaus den Kriminalroman des Osnabrücker(s) (…) Harald Keller, mit blutiger, intelligenter Feder geschrieben ist sein ‚Tod auf dem Zauberberg – kuren, kneippen, sterben“ (…). Kellers Schreibe fesselt, sein Hauptkommissar Björn Lohse ermittelt mitten im Kurbetrieb, beäugt von im Prinzip 480 verdächtigen Patienten, Schwester Beate und Ärzten mit nicht immer überzeugenden Lebensrezepten.« Werner Hülsmann, „Osnabrücker Nachrichten“

»Der Schreibstil ist (…) durchgehend flüssig und fesselnd zu lesen, sodass ich das Buch kaum aus den Händen legen konnte. Auch die Protagonisten waren authentisch, ihre Handlungen gut umgesetzt und nachvollziehbar. Weiterhin besticht das Buch mit einem Spannungsbogen, der bis zum Schluss aufrecht gehalten wird. (…) Für Thriller-Liebhaber auf jeden Fall ein Muss.« Bloggerin Stephanie Brandt, http://www.steffis-buchecke.de

»(…) amüsante(n) Schilderungen aus dem Klinikalltag, die den beklagenswerten Zustand dieser Sparte unseres Gesundheitssystems drastisch illustrieren.« Joachim Feldmann, „Am Erker“, „crimemag“

Tod auf dem Zauberberg – kuren, kneippen … sterben“
Paperback, 396 Seiten, 13,99 Euro, ISBN 978-3-752995-99-2
E-Book, 3,99 Euro, ISBN: 978-3-7487-5460-2

Überall erhältlich, wo es gedruckte Bücher gibt. Und als E-Book.

 

* * * * *

verseschmied-umschlag-27.7.2022-vorn

Nonsens-Verse, gereimte Filmbeschreibungen und ein heiterer Rückblick auf die persönliche Geschichte der Aufschreibesysteme von der mechanischen Büroschreibmaschine bis zum Tablet. Die Lyrik widmet sich Themen wie Frühling, Sommer, Herbst und Winter, verabschiedet sich von einem ungeliebten Drucker und beschreibt das Schicksal einer Wanderschnecke.
ISBN: 9783756517572, Format: DIN A6 hoch, 68 Seiten, 6,99 Euro

* * * * *

Möchten Sie eine Lesung veranstalten? Schreiben Sie mir unter Keller-Kultur-Kommunikation@t-online.de oder lese-rampe@gmx.de. Auch Gemeinschaftslesungen mit anderen Autorinnen und Autoren aus dem Osnabrücker Raum, beispielsweise im Rahmen eines Krimi-Wochenendes, können arrangiert werden.

(c) Harald Keller.Os

Begegnungen mit Schriftstellern unterschiedlicher Sparten ermöglicht die Veranstaltungsreihe „Die Lese-Rampe“, jeweils am letzten Freitag im Monat (außer Juli und August) in der historischen Osnabrücker Studentenkneipe „Unikeller“. Bislang waren unter anderem zu Gast Frank Schulz, Heike Maria Fritsch, Ulrike Kroneck, Ina Bitter, Andreas Mand, Martha Maschke, Mareike Eigenwillig, Ina Bitter, Melanie Jungk, Norbert Horst, Olga Hopfauf & Stephan Baumgarten, Eva Bauche-Eppers, Annette Wenner, Stephan Leenen, Florian Greller, Miriam Rademacher, Maria Braig, Laander Karuso, Lukas Wünsch, Judith N. Klein. Das aktuelle Programm finden Sie unter http://www.unikeller.de/programm/

Werbung

Der Korrektor: Die „neuen” Serien

Fernsehserien sind in Feuilleton und Wissenschaft zum Modethema geworden. Beim medienwissenschaftlichen Blick zurück auf Veröffentlichungen zum Thema aus den letzten zwanzig Jahren stößt man unweigerlich auf eine Fülle an Irrtümern, Missverständnissen, Fehlinterpretationen. Aus der eigenen publizistischen Praxis darf berichtet werden, dass manche Redaktionen sogar an falschen Aussagen festhalten, obwohl sie es besser wissen. Ein Beispiel ist die Behauptung, das Remake von „House of Cards“ sei die erste Eigenproduktion von Netflix gegeben. Tatsächlich hatte Netflix die Rechte an der Produktion angekauft, und das zunächst auch nur für den US-amerikanischen Markt. Leicht erkennbar daran, dass „House of Cards“ außerhalb der USA bei anderen Anbietern Premiere feierte. Die Logik dahinter: Netflix würde niemals die Erstauswertung einer derart teuren und prestigeträchtigen Produktion den Mitbewerbern überlassen.

Manche dieser Falschinformationen sind bereits fest verankert in der öffentlichen Meinung. Korrekturen sind angebracht, auch wenn sie vermutlich in der Weite des Webs versickern, ergo unbeachtet bleiben werden.

Exemplarisch für die Herangehensweise an das Sujet ist ein Text aus der „tageszeitung“ aus dem Jahr 2013, verfasst von Ines Kappert, die laut beigefügter Biografie in Allgemeiner und Vergleichender Literaturwissenschaft promovierte und die neben Feminismus, Männlichkeitsentwürfen, Syrien, Geflüchteten auch TV-Serien als Themenschwerpunkt angibt.

Der Text ist überschrieben mit »Immer schön unberechenbar bleiben«. Bereits die taz-typisch verwirrende Unterzeile »Früher galten sie als Trash, nun werden sie gefeiert: neue Qualitätsserien.« lässt stutzen. Die »neuen Qualitätsserien« können doch früher gar nicht als »Trash« gegolten haben, denn wenn es sie damals schon gegeben hätte, wären sie nicht »neu«.

Es erhebt sich zudem die Frage, bei wem Fernsehserien als »Trash« galten, und wann das gewesen sein soll. Wird hier womöglich eine Zonengrenze gezogen zwischen elitären Milieus und kulturell minderbemitteltem Pöbel? Bei manchen Fundstücken kommt schon mal der Eindruck auf, dass bildungsbürgerlicher Hochmut die Feder führte.

Gelernte Medienwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler wie auch erfahrene Medienjournalisten und viele fernseherfahrene Zuschauer wissen, dass es ehedem schon vom Publikum angenommene hochwertige TV-Serien gab, desgleichen einen seit circa 1970 zügig voranschreitenden wissenschaftlichen Diskurs zu diesem Thema.

DANN HAT ES BOOM GEMACHT

Zitat:»Es war ein langer Weg von den ›Waltons‹, den ›Hesselbachs‹, der ›Schwarzwaldklinik‹, von ›Dallas‹ und ›Dynasty‹ zu ›Homeland‹, ›Kommissarin Lund‹, ›Breaking Bad‹ oder ›Borgen‹. Aber seit rund zehn Jahren ist sie da, die neue Fernsehunterhaltung, und sie boomt weltweit. Auf einmal ist das Fernsehen wieder zu einem interessanten Medium geworden, zumindest für die NutzerInnen von Computern oder DVD-Playern.«

Zaghaft sei’s gefragt: Kam denn diese »neue Fernsehunterhaltung« wie eine Epiphanie über uns? Fiel sie vom Himmel, wurde sie uns von den Göttern gesandt? Jedoch offenbar nur den »NutzerInnen von Computern oder DVD-Playern«.

Folglich ist das Fernsehen für Lineargucker weiterhin uninteressant geblieben. In diesem Publikumssegment also »boomt« es demnach nicht. Im Schnitt zehn Millionen Zuschauer beim „Tatort“ schlagen nicht zu Buche. Die vier bis fünf Millionen, die regelmäßig dienstags die Serien im Ersten einschalten, kann man ignorieren.

Warum eigentlich beschränkten die Götter ihre Wohltaten auf dänische und US-amerikanische Serien? Gab es denn gar nichts in Großbritannien, Frankreich, Benelux, Österreich, Polen, Tschechei? Australien, Asien, Afrika? Waren „The Prisoner“, „Widows“, „The Singing Detective“, das Original von „House of Cards“, „Capital City“, „State of Play“ ohne Bedeutung?

Die Produzenten von „24“ sahen das anders und holten sich Rat von Lynda La Plante, der britischen Autorin von Qualitätsserien wie „Widows“, „Prime Suspect“ und „Trial & Retribution“, deren Stil in „24“ anklingt.

ZAHLENSPIELE

»Boom« ist ein relativer Begriff, was folgende Zahlen belegen. „Breaking Bad“ begann in den USA mit durchschnittlich 1,23 Millionen Zuschauer, steigerte sich mühsam, blieb aber noch in den Staffeln 4 und 5a unter drei Millionen Zuschauern. Erst einige Folgen, nicht alle, der sechsten Staffel erreichten die Sechs-Millionen-Marke.

„Mad Men“ fand im besten Fall 3,29 Millionen Zuschauer, der Durchschnitt lag deutlich darunter.

Demgegenüber haben wir klassisch strukturierte episodische Serien wie „The Mentalist“ – sie startete mit 14,9 Millionen Zuschauern, erreichte mit der sechsten Staffel rund neun Millionen Zuschauer. Der Pilot von „Person of Interest“ wurde von 13,33 Millionen Menschen eingeschaltet. Ende der ersten Staffel gesellten sich noch ein paar dazu, in der Summe waren es 13,47 Millionen. In der fünften Staffel wendete sich das Publikum ab, aber mit 6,51 Millionen Zuschauer beim Finale liegt die Serie immer noch besser im Rennen als „Breaking Bad“ und „Mad Men“.

„Navy CIS“ begann mit 11,84 Millionen Zuschauern, erreichte in der Spitze 21,34 Millionen und erzielt auch in der 19. Staffel (!) im Schnitt über zehn Millionen Zuschauer pro Folge.

AKADEMISCHE ERKENNTNIS: FAMILIE FISHER UNTERSCHEIDET SICH VON FAMILIE HESSELBACH

Zitat:»Die Blaupause für den massiven Qualitätsschub im Fernsehen lieferten die HBO-Produktionen ›Sopranos‹ (1999-2007), ›Six Feet Under – Gestorben wird immer‹ (2001-2005) und ›The Wire‹ (2002-2008). Diese drei US-Serien nutzten das Format der Fortsetzungsgeschichte auf eine bis dahin ungekannte Weise.

Um die Differenz plastisch zu machen, hilft ein Vergleich mit ›Dallas‹ (CBS 1978-1991). (…) Zwar altern die Hauptfiguren, aber sie lernen genauso wie alle anderen überhaupt nichts dazu. Und auch das Setting um sie herum verändert sich nur unwesentlich. Das gleiche gilt für Vorgänger wie die ›Hesselbachs‹ (1960-1967) oder ›The Waltons‹ (CBS 1971-1981).«

Wenn eine kleine Berichtigung erlaubt ist: Eine Serie mit dem Titel „Hesselbachs“ gibt es nicht. Im deutschen Fernsehen liefen „Die Firma Hesselbach“ und „Die Familie Hesselbach“, die Fortsetzung trug den Titel „Herr Hesselbach und …“. Und der gewählte Vergleich hilft eher wenig. Erinnert sei daran, dass sich beispielsweise bei „Six Feet Under“ das Setting ebenfalls »nur unwesentlich« änderte. Und der Lerneffekt ist trotz des Altersunterschieds der Produktionen bei den Figuren von „Six Feet Under“ und den Serien um die Familie Hesselbach so unterschiedlich nicht. Beispiel: In der dritten Staffel wird Karl Hesselbach in den Stadtrat gewählt, dort lernt er und mit ihm die Zuschauerschaft eine ganze Menge über Lokalpolitik.

Es ist auch nicht ganz ohne Bedeutung, dass die Episoden der deutschen Serie monatlich ausgestrahlt wurden, also einer ganz anderen Dramaturgie unterlagen als Titel mit wöchentlichem Turnus.

EINE FRAGE DER WAHRNEHMUNG

Zitat: In den»neuen Serien«geht es»(…) vor allem um ein Nachvollziehen der Veränderung und des differenzierten Wahrnehmens und Erlebens einer Situation durch sämtliche Beteiligte.«

War nach diesen Maßstäben nicht schon „Peyton Place“ im Jahr 1964 eine »neue Serie«? Wie verhält es sich mit der britischen „Coronation Street“? Mit „M*A*S*H“, „St. Elsewhere“, „Ausgerechnet Alaska“, „Party of Five“, Anwaltsserien wie „L.A. Law“ und „I’ll Fly Away“?

EIN FALL FÜR DIE NOTAUFNAHME

»(…) der Streit um die richtige Sichtweise findet auch im Inneren der Hauptfiguren statt.«

Da kommt Sorge auf. Hoffentlich tragen die Hauptfiguren keine schwerwiegenden inneren Verletzungen davon, wenn die streitenden Parteien derart wüten.

INNOVATION: SERIENFOLGEN DAUERN JETZT 50 MINUTEN

Zitat:»In der Regel dauert bei den neuen Serien eine Episode fünfzig Minuten und es gibt zehn bis zwölf Episoden pro Staffel. ›The Wire‹ brachte es auf ganze fünf Staffeln, die Agenten-Thriller-Serie ›Homeland‹ ist bislang bei der dritten angelangt und noch ist kein Ende in Sicht.«

Ob es die Autorin wohl überrascht, dass eine fünfzigminütige Laufzeit als Norm gilt bei Produktionen, die für die Ausstrahlung in werbefinanzierten Sendern vorgesehen sind? Inklusive Werbung passen sie dann in das übliche Stunden-Schema. Wenn die Zahl der Staffeln als Rekorde vermeldet werden sollen, so fällt das Erreichte im Vergleich eher dürftig aus. „Law and Order“ bringt es auf 21 Staffeln, „Grey’s Anatomy“ geht ebenfalls in die 21. Runde, „Emergency Room“ endete nach der 15. Staffel. „Coronation Street“ läuft seit 1960 im britischen Fernsehen.

KAM DIE ERLEUCHTUNG WIRKLICH ERST SO SPÄT?

Zitat: »›Borgen‹ leuchtet ähnlich wie ›The Wire‹ und auch ›Homeland‹ das Zusammenspiel von Politik, Presse und Familie aus (…).«

In dem Punkt darf man behutsam ergänzen: „Borgen“ war kein Novum. Die dänische Serie hatte einen unmittelbaren Vorläufer in der niederländischen Produktion „Mevrouw Minister“, die auf Festivals und Fernsehmärkten gezeigt wurde und den dänischen Redakteuren kaum entgangen sein dürfte. Politische Themen in engerem Sinne verhandelten viele andere Serien, darunter „Tanner ʼ88“ (1988; Gewinner der goldenen Medaille in der Kategorie Best Television Series beim Cannes Television Festival) von Garry Trudeau und Robert Altman, „The West Wing“ (1999-2006), „State of Play“ (2003), „Commander in Chief“ (2005-2006) mit Geena Davis in der Rolle der ersten weiblichen Präsidentin der USA und nicht zuletzt „That’s My Bush!“ (2001) vom „South Park“-Team Trey Parker und Matt Stone. Im weiteren Sinne gehören auch die britischen Polit-Sitcoms „Yes, Minister“/„Yes, Primeminister“ (produziert 1979, gesendet 1980-1988, neu aufgelegt 2013) und „The Thick of It“ (2005, 2007 und 2012) in diesen Zusammenhang. Keinesfalls ausblenden darf man das britische Original von „House of Cards“ (1990) und dessen Folgeserien „To Play the King“ (1993) und „The Final Cut“ (1995), die zusammen eine zwölfteilige Trilogie ergeben.

TELEGENE ÜBERBEVÖLKERUNG

Zitat: »Im Laufe einer Serie bekommen es die ZuschauerInnen mit einer ganzen Heerschar von Charakteren zu tun.«

Die obige Beobachtung scheint nicht vollends durchdacht, denn sie gilt für nahezu jede Daytime- und Evening-Soap. Zum Beispiel für „Dallas“ und „Dynasty“, die ja oben auf einen Streich diskrediert wurden. Die bereits erwähnte britische Serie „Coronation Street“ erzählt seit 1960 von den Schicksalen der Bewohner einer ganzen Straße. Da kommt einiges an Personal zusammen.

BEFREIUNG AUS DEN KLAUEN DES PROGRAMMSCHEMAS

Zitat:»Möglich ist diese Komplexität nur aufgrund der DVD beziehungsweise der Streams auf bestimmten Webseiten. Die neuen Speichermedien und der Serienboom gehören zusammen. (…) Der Einzelne muss sich nicht mehr nach Sendeterminen richten, sondern kann die Serie sehen, wann immer es ihm passt.«

Jetzt verwundert aber, dass alle als Positivbeispiele aufgezählten Serie ihre Premieren im linearen Fernsehen hatten. „Die Sopranos“ starteten 1999, da war der Serienkonsum via World Wide Web noch nicht sehr weit gediehen. Zum Vergleich: Youtube wurde erst 2005 gegründet.

Hingegen erlaubte schon die Videokassette, eine Serie zu sehen, wann immer es dem Zuschauer passte. Was, wie die Älteren unter uns wissen, auch genau so praktiziert wurde.

Zitat: »Aber was ist mit der Ästhetik, was passiert auf der visuellen Ebene? Auch hier haben die neuen Serien dazugelernt, und zwar vor allem vom Kino. Die herkömmliche TV-Serie wird im Studio gedreht. Billiger ist Fernsehen nicht zu haben: Kein Wechsel der Drehorte und womöglich unpassendes Wetter bringen den Spielplan durcheinander (…). (…) Stattdessen sorgen eine überschaubare Anzahl von SchauspielerInnen mit schnellen pointenreichen Dialogen auf dem immergleichen Sofa oder am immergleichen Küchentisch für Unterhaltung.«

Schon grammatisch eine seltsame Aussage. Serien sind abstrakte Dinge, die können nichts dazulernen.

Wurden denn die »schnellen pointenreichen Dialoge« im Zeitalter der »neuen Serien« abgeschafft? Es gab Zeiten, da wurde genau diese Qualität seitens der Kritik gefordert. Man kann es den Leuten aber auch nicht recht machen …

Es wird das Selbstbewusstsein der Autorin hoffentlich nicht über die Maßen erschüttern, wenn sie erfährt, dass schon Episoden der deutschen Serie „Ihre Nachbarn heute Abend – die Familie Schölermann“ an Originalschauplätzen, zum Beispiel auf einem Passagierschiff, gedreht wurden. Auch die Hesselbachs gingen gelegentlich vor die Tür. Die Vorabendserie „Goldene Zeiten – Bittere Zeiten“ entstand in Baden-Baden, Paris, Wien, Marseille, Prag, „Sergeant Berry“ auf Mallorca. Für „Diamanten sind gefährlich“ und „Diamantendetektiv Dick Donald“ reisten die Hauptdarsteller nach Südafrika, für „Die Journalistin“ unter anderem an den Nürburgring, nach Amsterdam und nach Italien. Eine Episode spielt auf hoher See. Das ZDF ließ sich nicht lumpen und die Vorabendserie „I.O.B. – Spezialauftrag“ in Finnland, Belgien, Spanien drehen. Die ARD schickte die Heldinnen von „Okay S.I.R.“ buchstäblich in die Wüste, nach Rabat und Marrakesch, nach Marseille, Rom, Wien, Budapest, St. Mortiz. Zwar herausgepickt, aber keine Sonderfälle. Die Liste ließe sich fortsetzen.

EIN PAAR SHOTS ZUR ORIENTIERUNG

Zitat: »Die vernachlässigte Außenwelt wird nur über ›Orientierungsshots‹ eingeblendet – das Panorama von New York, die Ranch, die Lindenstraße. Alle diese Elemente finden sich auch in den neuen Qualitätsserien. Sie werden nun aber flankiert von cineastischen Elementen: So gibt es Außendrehs und auch aufwendigere Kamerafahrten.«

Nur ungern raubt man den jungen Leuten ihre Illusionen, aber Innendrehs sind eher die Regel als die Ausnahme. Seit je werden Kinofilme nach Möglichkeit im Studio gedreht. Das sind oder waren diese großen Gebäude auf den Geländen von Paramount, MGM, Warner Brothers, Babelsberg, Bavaria, Elstree, Pinewood mit der berühmten 007-Stage … Der Stab des Klassikers „Casablanca“ war nie in Casablanca, jedenfalls nicht im Rahmen der Dreharbeiten. Selbst der Flughafen wurde im Atelier nachgebaut. Alfred Hitchcock zog stets Dreharbeiten im Studio denen unter freiem Himmel vor. Er hat trotzdem ein paar anständige Filme zustande gebracht.

Auch er nutzte »Orientierungsshots“, in der Fachsprache Establishing Shots und schrieb dazu: »Washington ist ein Blick auf das Kapitol, New York ein Wolkenkratzer. Die Verwendung einer unbekannten Ansicht würde das Publikum verwirren …«

Establishing Shots gehören schlicht zur allgemeinen Filmsprache. Sie entstammen den eigenen Archiven oder werden von Agenturen bezogen.

WO WAREN DIE GUTEN SCHAUSPIELER ALL DIE JAHRE?

Zitat: »Im Post-TV hat das Fernsehen die Schauspielkunst wieder entdeckt. In fast allen neuen Serien finden sich außergewöhnliche DarstellerInnen, und zwar in Haupt- und Nebenrollen.«

Dann müssen wir davon ausgehen, dass Schauspieler und Schauspielerinnen wie Steve McQueen, Clint Eastwood, John Cassavetes, Richard Roundtree, Mia Farrow, Ryan O’Neal, Fred Astaire, Nick Nolte, David Niven, Charles Boyer, James Earl Jones, Alfre Woodard, Sally Field, George Clooney, Burt Lancaster, Robert Mitchum, Meryl Streep, Geena Davis, André Braugher, Edie Falco, Isabella Hofmann, Denzel Washington, Ned Beatty, Glenn Close, Sir Ian McKellen, Anthony Hopkins, Al Pacino wohl zu den minderbegabten Knallchargen zählen. Sie alle und viele weitere renommierte und preisgekrönte Kolleginnen und Kollegen sah man in dem, was die Autorin wohl als „Prä-TV“ bezeichnen würde.

Aber Filmauftritte sind eine völlig unnötige Reverenz. „St. Elsewhere“, „Hill Street Blues“, „Emergency Room“, „Homicide – Life on the Street“, „American Gothic“, „Profit“, „The Shield“ – lang ist die Liste der Serientitel, in denen man extraordinäre Leistungen von Schauspielerinnen und Schauspielern bewundern kann, die primär im Fernsehen gearbeitet haben und in ihrem Metier höchste Anerkennung genießen.

Die Hüter der Rentengeheimnisse

Wer mit der Deutschen Rentenversicherung zu tun bekommt, und das gilt früher oder später ja für jeden, kann eigenartige Dinge erleben. Da gibt es zum Beispiel auf der Homepage die Möglichkeit, online einen Termin zu vereinbaren. Im Weiterlesen aber erfährt man: „Derzeit sind keine Online Terminvereinbarungen [sic!] möglich. Sollten Sie einen Beratungstermin wünschen, bitten wir Sie uns anzurufen.”

Gut, der Bitte wird entsprochen. Nicht verzagen, durchhalten, Zeit einplanen. Es dauert einige Minuten, ehe abgenommen wird. Sehr unfreundlich wird man nach seiner Versicherungsnummer gefragt. Dann müssen auf der anderen Seite erst einmal Computerprobleme behoben werden. Nachdem das geschehen ist, ermittelt die Dame, dass nur telefonische, keine persönlichen Beratungen möglich sind. Damit hat der Versicherte in der Vergangenheit jedoch sehr schlechte Erfahrungen gemacht.

Es begab sich wie folgt: In der Pandemiephase wurden keine persönlichen Beratungen angeboten. Verständlich. Mit Ende der Einschränkungen verkündete die DRV-Homepage für den Wohnort des Petenten, dass die Büros wieder für den Publikumsverkehr geöffnet seien. Der Kandidat wählte die angegebene Telefonnummer und wurde angeherrscht, wegen Corona gäbe es keine persönliche Beratung. Der Anrufer verwies höflich auf die Webseite, die Gegenteiliges vermittelte. Gebrummel auf der Gegenseite, dann die mürrische Frage, worum es denn gehe. Kurzer Abriss des Anliegens, dann wurde geschnauzt, diese Fragen seien in dreißig Minuten nicht zu beantworten, und man dürfe nur dreißigminütige Sprechstunden vergeben.

Der Versicherte wagte zu bezweifeln, dass seine Fragen in dreißig Minuten nicht ausgeräumt werden können, aber die Dame verweigerte kategorisch die Zuteilung eines Termins. Sie versuchte sich selbst an einer Beantwortung. Das ging, was sich aber erst später herausstellen sollte, gehörig schief.

Aus dieser Erfahrung heraus also bevorzugt der Anrufer eine persönliche Beratung. Ab wann dies denn wieder möglich sei? „Nächste Frage” schallt es barsch aus dem Telefonhörer.

Nichts zu machen.

Was steht da noch mal auf der Webseite? „Sie haben Fragen – wir die Antworten!”

Aber sie hüten diese Antworten wie Fafnir seine Schatzhöhle. Könnte mal jemand Sigurd Bescheid geben?

Kosmische Kapriolen

Es heißt Abschied nehmen von Jodie Whittaker als Kommandantin der TARDIS. Im Jubiläumsjahr 2023, die Serie startete am 23. November 1963, gibt es gleich zwei Wandlungen des Doctors. Einen Rückfall, eine neue Inkarnation in Gestalt des in Ruanda geborenen Schauspielers Ncuti Gatwa. Aber bis dahin ist noch ein wenig Zeit, die sich mit einigen Specials voller kosmischer Kapriolen und der 13. Staffel vortrefflich überbrücken lässt. Der Zyklus startet heute auf One. Mehr dazu hier: https://www.epd-film.de/tipps/2022/ard-mediathek-doctor-who-staffel-13

Fallgrube für Abschreiber


Mein Ausbilder seinerzeit pflegte zu sagen: Wo man hinpackt, packt man in die Sch…
Aus ähnlichen Gründen gilt Wikipedia im Wissenschaftsbereich nicht als zitable Quelle und sollte, was leider nicht der Fall ist, auch für Journalisten tabu sein. Hallo nach Berlin zum „Tagesspiegel”. Gerade fand sich mal wieder ein Beispiel, warum das so ist. Wikipedia schreibt:
„Für Tykwer ist Babylon Berlin nach der Netflix-Serie Sense8 die zweite Fernsehproduktion.[20][21] Er sieht die Serie in der Tradition von erfolgreichen US-amerikanischen Serien wie The Sopranos, The Wire, Mad Men, Breaking Bad, Six Feet Under oder Boardwalk Empire, die horizontal erzählte Geschichten ins Fernsehen (und Streaming-Dienste) brachten.”
Folgt man der Quellenangabe, gelangt man zu dieser Passage:
„Für mich waren die ‚Sopranos‘ seinerzeit eine Art Erweckungserlebnis. Die neue Art, Geschichten zu erzählen, die diese Fernsehserie aufbrachten und mit der sie eine neue Tradition begründete, hat mit Sicherheit auch mein Schreiben beeinflusst, jedenfalls mein fiktionales Denken. Und wenn dann die Welt von Gereon Rath in genau dieser Tradition adaptiert werden soll, in der Tradition von Serien wie ‚The Wire‘, ‚Mad Men‘, ‚Breaking Bad‘, ‚Six Feet Under‘, ‚Boardwalk Empire‘, so ist das genau das, was ich mir für diesen Stoff immer gewünscht habe.”
NUR: Das sagt nicht Tykwer, sondern der Autor der Vorlage, Volker Kutscher.
Und „Sense8” war nicht Tykwers erste Fernseharbeit; seinen Debütfilm „Die tödliche Maria” realisierte er beim ZDF, Redaktion „Kleines Fernsehspiel”.
Quod erat demonstrandum.
I rest my case.

Der Geiselgangster von Görlitz

Sächsisch noir: Mit zwei neuen Filmen geht die düstere Reihe „Wolfsland“ um Kommissar Burkard Schulz und seine Partnerin Viola Delbrück in die Fortsetzung.

Frankfurt – Wie groß mag der Radius sein, den man einhalten muss, um nicht von Kommissar Burkard „Butsch“ Schulz (Götz Schubert) in irgendwelche Kalamitäten verwickelt zu werden? Am besten bleibt man wohl ganz außer Sichtweite. Seine Partnerin Viola Delbrück (Yvonne Catterfeld) wirkt gleichfalls wie ein Magnet auf Malaisen. Zu Beginn der Reihe „Wolfsland“ wurde sie von ihrem psychisch erkrankten Ex-Gatten kujoniert. Schulz zog sich später den Hass eines Jugendfreundes zu. Er wurde einer Vergewaltigung beschuldigt, des Mordes verdächtigt und erlitt schließlich eine Schussverletzung, die ihn in den Rollstuhl zwang.

Weiter geht es hier: https://www.fr.de/kultur/tv-kino/kritik-wolfsland-20-stunden-im-ersten-der-geiselgangster-von-goerlitz-91991971.html

Camping-Panzer dringt nach Mecklenburg-Vorpommern vor

Osnabrück – Die Heimsuchung rollt mit einem Fahrzeug auf den Hof, das Susanne Krombholz (Stefanie Stappenbeck) sehr zutreffend als „Camping-Panzer“ bezeichnet. Ein Wohnmobil auf LKW-Chassis, ausgestattet mit allen Schikanen, ein Luxusschneckenhaus. So gewichtig, dass es auf unbefestigten Campingplätzen bei Regen vermutlich im Boden versackt.

Aber der Steuermann Oliver Drittenpreiß (Wanja Mues) denkt gar nicht an einen temporären Aufenthalt. Er ist in ein stilles Gebiet Mecklenburg-Vorpommerns vorgedrungen, um eine einsam auf weiter Flur stehende Retourenzentrale zu einem europaweit einzigartigen „Hyper Center“ auszubauen. Seine Vorstellungen präsentiert er futuristisch in Form einer Holoprojektion und salbadert im Wichtigtuerjargon unter anderem von der „Wende 2.0“. Die Vorzüge des nahe dem real existierenden, Kalauer provozierenden Pampow gelegenen Standorts: verkehrsgünstig, niedrige Löhne, üppige Wirtschaftsförderung.

Hier geht es weiter: https://www.fr.de/kultur/tv-kino/retoure-ndr-reformator-im-camping-panzer-tv-kritik-91957265.html

Verfolgte Unschuld, mitreißende Komödiantin, Kultfigur

Der Horrorklassiker „Halloween“ machte sie zum Weltstar: Arte zeigt ein Filmporträt der Hollywood-Schauspielerin Jamie Lee Curtis.

Frankfurt – Mit 19 Jahren absolvierte Jamie Lee Curtis ihren ersten Auftritt vor einer Filmkamera. „Visitors in Paradise“ hieß die Episode der Kriminalserie „Quincy“. Beinahe prophetisch, denn das Engagement markierte ihren Eintritt in das Filmgeschäft, in dem sie sich lange Zeit eher wie eine Besucherin und fremd fühlen sollte.

Weiter geht es hier: https://www.fr.de/kultur/tv-kino/tv-kritik-filmportraet-ueber-jamie-lee-curtis-schauspielerin-kultfigur-hollywood-halloween-arte-91941139.html

Denkungsarten vergangener Jahrhunderte

Nach heutigem Verständnis käme der Namensgeber des Walter-Serner-Preises für diese Auszeichnung selbst kaum infrage.

Der Walter-Serner-Preis wurde Mitte der 1970er-Jahre ins Leben gerufen. Veranstalter sind das Literaturbüro Berlin und RBB Kultur. Seit 1996 ist die Auszeichnung dotiert, aktuell mit 5.000 Euro. Zu den bisherigen Preisträgern zählen unter anderem Leonhard Seidl, Fred Breinersdorfer, Marianne Wick, Michael Kumpfmüller, Almut Tina Schmidt. Laut Ausschreibung zum letztjährigen Wettbewerb waren Kurzgeschichten gefragt, die „dieses Mal vor allem in der erzählerischen Tradition von Walter Serners scharfkantigem und satirischem Humor stehen“ sollten. In diesem Jahr baten die Veranstalter um „moderne Liebesgeschichten, die den Spielarten der Liebe ähnlich kritisch und satirisch begegnen“ wie Serner in seinem 1925 publizierten Roman „Die Tigerin“.

Nun wird in unserer Gegenwart die Lektüre von Serners Texten, ob Roman, Kurzgeschichte oder journalistisch, deutlich getrübt durch unverhohlen misogyn gefärbte Passagen. Der folgende Auszug macht die Problematik deutlich: „(…) ich halte die ökonomische Selbständigkeit der Frauen nur dann für diskutabel, wenn sie von außen kommt. Denn es ist durchaus natürlich, daß der Wunsch nach Selbständigkeit bei Frauen nur äußerst mangelhaft entwickelt ist. Er hat zur Voraussetzung, daß die Entwicklung ihrer Persönlichkeit in der Frau nicht allein als Möglichkeit, vielmehr auch als das höchste Streben erscheine. Das aber ist nicht der Fall. Ist es Ihnen noch nicht aufgefallen, daß in den letzten dreitausend Jahren noch keine weibliche Persönlichkeit erschienen ist? (…) Dagegen halte ich die Ninon de Lenclos, die Lady Hamilton und Katharina die Zweite (…) für Frauen, die den Beruf ihrer Weiblichkeit erkannten und in diesem Sinne Persönlichkeiten waren. Aber mit dem Gehirn hat das nicht viel zu tun.“

Das Zitat stammt aus dem Kapitel „Glossen“ in dem Sammelband „Über Denkmäler, Weiber und Laternen“. Nicht nur hier attestiert Serner der weiblichen Bevölkerung verminderte intellektuelle Leistungsfähigkeit: „Was einen Mann nur noch leidenschaftlicher emporgetrieben hätte, raubte ihr [Théroigne de Méricourt] den Verstand, der unter einer unkörperlichen Demütigung nicht hätte zusammenbrechen können, wäre er wirklich einer gewesen.“ Ebenfalls enthalten in „Über Denkmäler, Weiber und Laternen“.

Will sagen: Frauen, denen eine schwere Demütigung psychisch zusetzt, haben schlicht keinen Verstand. Anderenfalls hätten sie sich ja, nach Männerart „leidenschaftlicher emporgetrieben“, gegen die Herabsetzung gewehrt. Weitere Belege für Serners verächtliches Frauenbild lassen sich unschwer finden.

Damit einher geht eine, gelinde ausgedrückt, permissive Haltung gegenüber Vergewaltigungen. In einer „Glosse“ nimmt Serner einen Offizier und Frauenarzt in Schutz, der sich an einer Vierzehnjährigen vergangen hatte, woraufhin ein Teil der Presse kritische Fragen aufwarf. Serner kommentiert diese, in seinen Worten, „sittliche Entrüstung“: „In deren Namen [der Öffentlichkeit] aber erfahren zu wollen, ob ein solcher Offizier weiter in der Schweizerischen Armee bleibe, ist eine Frechheit, und die Frage, ob ihm weiter die Möglichkeit gelassen werde, ähnliche Delikte zu begehen, eine Trottelei.“

Ein Echo dieser Einstellung findet sich mehrfach in Serners belletristischen Texten: „Diese Unternehmung hatte die einigermaßen vorherzusehende Folge, daß Somogyi erwog, wie er die Besitzerin dieser genußreichen Finger auch mit ihren restierenden Körperteilen seiner Lust dienstbar machen könnte. Er erwog nicht lange. Wußte er doch wie das Alphabet, daß auch die Prüdeste stets den Rüdesten erträumt.“ Vergleiche den Geschichtenband „Der elfte Finger“.

Nicht nur an dieser Stelle insinuiert Serner, dass Frauen den gewaltsamen Sexualakt insgeheim herbeisehnen und genießen. In dieser Geschichte mit dem Titel „Das ominöse Schild“ wird eine Frau namens Eletta nicht nur Opfer des sexuellen Übergriffs, sie nimmt am Ende den Täter auch noch willig in ihrem Zuhause auf.

Kein Ausrutscher. In der Kurzgeschichte „Wunder über Wunder“ aus „Der elfte Finger“ dichtet Serner: „Die Baronesse von Potthammer“ – auch sie ein Opfer erzwungener Sexualität – „welche ihre Niederlage nicht verschmerzen konnte, hatte es unwiderstehlich in die Nähe ihres Peinigers getrieben.“

In der Kurzgeschichte „Deiters Putsch“ erzählt Serner, wie die Protagonistin Zoila von besagtem Deiter vergewaltigt wird. Der Übergriff verursacht kein Trauma, sondern weckt im Gegenteil ihr Begehren: „Zoila warf ihren Körper gegen den seinen, überall ihn mit beiden Händen umschmeichelnd.“

Mit dem in „Über Denkmäler, Weiber und Laternen“ abgedruckten Feuilleton „Das galante Zeitalter“ widmet Serner den Erinnerungen Giacomo Casanovas eine schwärmerische Eloge, die, erstaunlich angesichts seiner außerordentlichen sprachlichen Begabung, mehrfach in den Kitsch abrutscht: „(…) seine tiefe feine Ritterlichkeit schloß jede Träne aus; und da ihm eine stattliche Geschicklichkeit zuteil war, so fiel es ihm nicht schwer, die Mädchen, deren erste Liebe er genossen hatte, vor Schande zu bewahren oder gar zu verheiraten. Manche hatten diesem ‚Fehltritt‘ ihr Glück zu verdanken und alle ihre schönste Erinnerung.“

Ein Lobgesang auf Casanovas kaum verbrämte Pädophilie und nicht selten durch Zwang erlangten Geschlechtsverkehr. Ein Blick ins Kapitel „Ein hilfreiches Gewitter“. Darin lässt Casanova eine Frau zu Wort kommen, die er zuvor gegen ihren Willen penetriert hatte. Sie sagt zu ihm beim Abschied: „(…) doch verlassen Sie sich darauf, daß ich nie wieder mit Ihnen zusammen reisen werde.« Nach „schönster Erinnerung“, wie Serner es zu formulieren geruhte, klingt das eher nicht.

Serners wenig schmeichelhafte Passagen über weibliche Charaktere paaren sich gelegentlich gar mit antisemitischen Klischees. Im Roman „Die Tigerin“ gibt es eine „fette Jüdin“ mit drei kleinen „stets unsauberen Kindern“, die „konstant“ lügt. Auch andere Stellen erscheinen wie mit dem Furor des Konvertiten – Serner war als Zwanzigjähriger zum Katholizismus übergetreten – abgefasst. Da spricht ein Protagonist „entjüdelt“ und erreicht seine Ziele durch Betrug und Heimtücke, kennt keine Skrupel, verhöhnt sein Opfer obendrein. Ironische Brechungen sind in diesem Kontext nicht auszumachen.

Mitveranstalter der Ausschreibung ist das Literaturhaus Berlin. Dessen Leiterin Janika Gelinek teilt auf Anfrage mit: „(…) wenn Sie die Preisverleihungen und Preisträger*innen verfolgt haben, wissen Sie um die Gegenwartsorientierung des Preises, bei dem es keineswegs um die Verherrlichung überkommener Ideale geht. Ebenso wenig prämieren wir Serners Mysogynie [sic] oder streben gar ihre Fortführung an, sondern erinnern vielmehr an seine stilistische Brillanz – und wesentlich auch an ihn als Opfer des Naziterrors.“

Zur Biografie Serners gehört unabdinglich, dass er 1942 von nationalsozialistischen Tätern ins Baltikum deportiert und dort wie auch seine Frau Dorotea ermordet wurde. Aber Serners viele Jahre früher entstandene Texte können allenfalls bedingt unter dem Eindruck dieses bitteren Schicksals aufgefasst, sondern müssen im Kontext ihrer Entstehungszeit interpretiert werden.

Michael Kumpfmüller, Serner-Preisträger des Jahre 1993, urteilt über Serners misogyne Äußerungen: „Die von Ihnen zitierten Stellen finde ich als solche abscheulich. Aber spricht da immer der Autor Serner? Oder eine Figur bzw. eine erfundene Erzählerstimme?“

Auch Janika Gelinek spricht diesen Aspekt an: „Was bei Serner außerdem als Glosse (…) und was ernst gemeint war, ist ja auch noch die Frage: wenn ein Kapitel schon ‚Über Denkmäler, Weiber und Laternen‘ heißt, müssen wir das tatsächlich bierernst nehmen? Das heißt nicht, dass man die Texte nicht kritisch betrachten kann (zentral hier definitiv z.B. [sic] die Lust an Vergewaltigung: was ist Persiflage, was nicht? Beschreibung des Stockholm-Syndroms? Und wie tief ist er in dem Milieu, das er gerne beschrieb, Halbwelten, Prostitution, Kleinkriminelle?), ohne dass sich jedoch dadurch Walter Serner in unseren Augen als Namensgeber des Preises disqualifiziert.“

Eine Erzählerstimme, die außerhalb von Serners subjektiver Begriffswelt steht und sich ‚uneigentlich’ ausdrückt, lässt sich in den journalistischen Arbeiten ausschließen. Und Glossen auf Kosten von Schwächeren? Sofern es sich bei Serners Texten um Persiflagen handelte, dann allenfalls in einer Teilmenge. Die misogynen Züge finden sich jedoch quer durch die von ihm bedienten Genres. In dieser Hinsicht erweist sich als problematisch, dass der zeitliche Abstand die Einordnung etwaig persiflierender Inhalte erschwert. Persiflagen und Parodien setzen Vorbilder voraus, die dem Gros des heutigen Lesepublikums nach so vielen Jahren kaum geläufig sein dürften und deshalb einen kundigen Kommentar erfordern.

Janika Gelinek hält dagegen: „Man müsste wohl einen erklecklichen Teil der Autoren dieser Zeit aus dem Kanon werfen, wenn man so argumentiert, wie Sie es in Ihrer Mail tun.“

Auch die Serner-Preisträgerin des Jahres 2012, Almut Tina Schmidt, plädiert zugunsten Serners: „Serners ‚Tigerin‘ ist ein literarisches Meisterwerk, das Gewaltverhältnisse zwischen den Geschlechtern nicht unterschlägt, Zuschreibungen (auch die eigenen) systematisch unterläuft und jede Form von sog. ‚Authentizität‘ eleganter dekonstruiert als die meisten postmodernen Texte; ein Roman, der nicht nur in Zeiten rigoroser Echtheits-Ansprüche eher mehr als weniger Leser*innen verdient. Aber auch in der Auseinandersetzung mit anderen seiner Texte habe ich von dem großen, und ja, in mancherlei Hinsicht auch verstörenden Hochstapler viel gelernt.“

Michael Kumpfmüller hingegen sieht sich gar nicht in der Tradition Serners – „und auch sonst in niemandens.“ Er beurteilt das Verfassen fiktionaler Texte in der Nachfolge Serners primär unter Genregesichtspunkten: „Serner hat kriminalistische Kurzgeschichten geschrieben; der Auslober des Preises hat dieses Genre sozusagen fortschreiben und auf seine Gegenwartstauglichkeit prüfen wollen, und das heißt ja nun nicht, dass die Preisträger in der Tradition sexistischer und frauenverachtender Literatur stehen.“

Der als Mitveranstalter verantwortlich zeichnende RBB wurde um eine Stellungnahme gebeten, hat sich aber trotz wiederholter Anfrage nicht zu dieser Angelegenheit geäußert.