Für Bildschirmleser

In eigener Sache: Der Kriminalroman „Ein schöner Tag für den Tod“ liegt als E-Book vor und ist bei allen bekannten Anbietern erhältlich. Leseprobe und Kritiken unter https://www.neobooks.com/ebooks/harald-keller-ein-schoner-tag-fur-den-tod-ebook-neobooks-30476. Die Paperback-Ausgabe (Oktober Verlag, Münster) ist weiterhin verfügbar.

Ein schöner Tag für den Tod.Cover.klein.VikianaNur als E-Book erschienen ist die Schauermär „Halloween … Horrornacht mit dem Holenkerl“. Die Erzählung ist die erweiterte Fassung einer Kurzgeschichte und basiert auf der norddeutschen Sage vom Holenkerl, der nachts verirrten Wanderern auflauerte, auf ihren Rücken sprang und sie zu Tode ritt. Die russische Folklore kennt ein ähnliches Volksmärchen. Nikolai Gogol verarbeitete es in der Erzählung „Der Wij“.

Die hier vorgelegte Version spielt in der Gegenwart, mischt Grusel und Science Fiction und beginnt mit vier Teenagern, die eine Halloween-Party im Osnabrücker Nordkreis besuchen möchten, wo sie jedoch nie ankommen werden …

Näheres unter Neobooks.de.

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Vertrautes Personal in wechselndem Umfeld

Copyright: ZDF.

Nicht nur im eigenen Land, sondern weltweit gehören US-amerikanische Franchise-Titel zu den meistgesehenen, meistverkauften und meistwiederholten Fernsehangeboten: die Serien der „Law-&-Order“-, „CSI“-, „NCIS“- und der „Criminal-Minds“-Gruppen. Einige Ursprungsserien sind mittlerweile eingestellt, dafür rücken neue nach, die stets im selben Erzähluniversum angesiedelt sind und so Gastauftritte und Crossover-Episoden ermöglichen. In den USA hatte die mittlerweile eingestellte Stammserie „Law & Order“ im Jahr 1990 Premiere, der erste Ableger, „Law & Order: Special Victims Unit“, startete im September 1999. Weitere sollten folgen, darunter sogar ausländische Varianten.

Konsequenter noch hat in Deutschland das ZDF die Marke „SOKO“ etabliert. Verlässlich findet der Zuschauer werktäglich um 18.05 Uhr im ZDF-Hauptprogramm eine Serie mit dem „SOKO“-Etikett, je nach Wochentag mit einem anderen deutschen oder österreichischen Schauplatz, der jeweils durch einen Zusatz im Titel benannt wird.

Bitte weiterlesen unter http://www.medienkorrespondenz.de/leitartikel/artikel/alle-meine-sokos.html

Per TARDIS durch die Galaxis

Schnell ist der Begriff „Kultserie“ zur Hand, diese hier darf mit vollem Recht so genannt werden: Seit 1963 erzählt „Doctor Who“ von den Abenteuern eines Timelords, der mittels der TARDIS, die aussieht wie eine alte britische Polizeitelefonzelle, durch Raum, Zeit und die Dimensionen reisen kann. Trotz einiger Ausstrahlungsunterbrechungen gilt „Doctor Who“ als die langlebigste Science-Fiction-Serie der Welt. Einer ihrer bekanntesten Autoren war Douglas Adams, der später mit dem in verwandtem Geist geschriebenen ‚Reiseführer‘ „Per Anhalter durch die Galaxis“ hervortrat.

EinsFestival zeigt seit gestern die Folgen der fünften Staffel neuerer Zeitrechnung, will sagen seit der Generalrenovierung durch Russell T Davies („Queer as Folk“; „Torchwood“) im Jahr 2005. Besagte fünfte Staffel wird von Steven Moffat betreut, bekannt für seine modernisierten TV-Fassungen von „Jekyll“ nach R. L. Stevenson und vor allem „Sherlock“ nach Arthur Conan Doyle. EinsFestival bringt vorerst von montags bis donnerstags jeweils zwei Folgen mit Matt Smith in der Rolle des „Doctors“ zur Ausstrahlung.

Zur Geschichte der Serie gehört auch, dass die heute weltberühmte Titelmelodie von Delia Derbyshire und dem Soundexperten Dick Mills geschaffen wurde, die beide bereits mit elektronischer Musik experimentierten, als die Knaben von Kraftwerk noch auf ihren ersten Kassettenrekorder sparten. In der Ausstellung „The Doctor Who Experience“ in Cardiff wird mit einem Nachbau ihres Tonstudios an diese Pioniere erinnert.

Copyright: Harald Keller.

„Doctor Who“-Ausstellungen gab es vorher schon, aber keine war vergleichbar mit der in den ehemaligen Docklands von Cardiff gleich neben dem neuen Sitz von BBC Cymru errichteten „Doctor Who Experience“. Da spricht der Doctor persönlich zu den Besuchern, da wird ein Start mit der TARDIS und sogar ein Angriff außerirdischer Tunichtgute simuliert. Im Bild ein Besucher im perfekt nachgeahmten Gewand des siebten Doctors, der von Sylvester McCoy verkörpert wurde. Markenzeichen: der Pullover mit den vielen Fragezeichen. Copyright: Harald Keller.

 

Bis dass der Tod sie scheide …

Soeben mit einem Golden Globe als bester Mehrteiler ausgezeichnet, gelangt die Verfilmung der Bestseller von Hilary Mantel um die Kabalen am Hofe Henrys VIII. auch in Deutschland zur Ausstrahlung. Ein sechsteiliges, auf Dialoge bauendes Historiendrama mit beeindruckenden Schauspielerleistungen.

Geblieben ist nichts von der einstigen Pracht. Eine Wolfhall Road erinnert zumindest namentlich noch an die geschichtsträchtigen Vorgänge im frühen 16. Jahrhundert. Aber Wulfhall respektive Wolfhall, der Sitz des Seymour-Geschlechts, ist lange verschwunden. Ersetzt wurde er durch ein Wohnhaus mit viktorianischer Fassade, erbaut erst zu einem Zeitpunkt, als die berühmtesten Bewohner des Anwesens längst ihr Leben gelassen hatten. Die nötigen Kulissen für die Dreharbeiten zur TV-Serie „Wolf Hall“ – bei Arte heißt sie „Wölfe“ – mussten also anderswo gefunden werden. Weshalb die heutigen Besitzer des Anwesens, anders als die Eigner des nur wenige Kilometer entfernten Highclere Castle, Drehort der Kultserie „Downton Abbey“, nur wenig Kapital schlagen konnten aus dem Umstand, dass sie auf historischem Boden leben.

Jane Seymour, die dritte Ehefrau des für seine serielle Vielweiberei und tödlichen Trennungen berüchtigen Königs Henry VIII., wurde vermutlich hier geboren und hat hier gelebt. Sie starb, anders als ihre Vorgängerin Anne Boleyn, einen friedlichen Tod. Jedoch ebenfalls vor der Zeit: Sie erlag, vermutlich 29-jährig, dem Kindbettfieber. In einer ebenfalls nicht mehr existenten großen Scheune neben dem Herrenhaus sollen Jane und Henry 1536 ihre Hochzeitsfeier ausgerichtet haben.

Die damaligen Ereignisse sind Gegenstand einer Romanreihe der britischen Autorin Hilary Mantel. Für zwei ihrer Bücher wurde sie mit dem renommierten Booker Prize ausgezeichnet. Der TV-Sechsteiler „Wölfe“, im Original „Wolf Hall“, basiert auf ihren Vorlagen; die Adaption übernahm Peter Straughan. Mantels literarische Leistung liegt darin, dass sie die Geschehnisse auf eigene Weise interpretiert, auf klare Gut-und-Böse-Zuweisungen verzichtet und stattdessen jeder Figur Ambivalenzen und auch eine gewisse Tragik zubilligt.

Bitte hier weiterlesen: http://www.fr-online.de/tv-kritik/tv-kritik—woelfe–bis-dass-der-tod-sie-scheide–,1473344,33571964,view,asFirstTeaser.html

 

Der mordreichste Landstrich in ganz England

Verbrechen lohnt sich doch. In Form von Krimiserien kann es sich bezahlt machen. Beispiel „Inspector Barnaby“: Der britische Exportschlager kurbelt nicht nur den Tourismus an – er treibt auch die Immobilienpreise in die Höhe.

Newbury/Osnabrück. Eigentlich gibt es diese Region gar nicht. Und doch hat sie alljährlich Tausende von Besuchern. Midsomer ist eine fiktive Grafschaft, Schauplatz der britischen Fernsehserie „Inspector Barnaby“, die in englischsprachigen Ländern den Titel „Midsomer Murders“ trägt. Weshalb häufig von „Midsomer Country“ die Rede ist. Dieser Landstrich besteht aus zusammengewürfelten, zumeist beschaulichen Flecken, die die Location Scouts der Produktionsfirma vorwiegend in Buckinghamshire, Hertfordshire und Berkshire, vor allem aber in Oxfordshire ausfindig machen. Sie tragen Namen wie Littlewick Green, Wargrave-on-Thames, Warborough, Turville. Der königliche Familiensitz Windsor ist nicht fern, die Themse mäandert geruhsam dahin. Prominente wie George Michael und Uri Geller unterhalten hier Grundbesitz, das Ehepaar Clooney residiert auf einer Insel in der Themse, die Musiker Jon Lord, Ric Lee und Jimmy Page fanden in diesem landschaftlich reizvollen und doch verkehrsgünstig gelegenen Ambiente ein Zuhause.

Bitte weiterlesen unter http://www.noz.de/deutschland-welt/medien/artikel/660614/die-erfolgsserie-inspector-barnaby-hinterlasst-spuren

Überdosis Sauerkraut

Das öffentliche Staunen über den ausbleibenden Publikumserfolg der RTL-Fernsehserie „Deutschland 83“ nährte Medienredaktionen und verwandte Fächer bis weit über das Finale des Achtteilers, das am 17. Dezember die Handlung mit der vorläufigen Rettung der Welt vorerst abschloss. Die Spekulationen über die mangelnde Nachfrage reichten hierhin und dorthin, nur das eigene Metier, die programmbegleitende Publizistik, stand außer Diskussion.
Die publizistischen Wellen waren bereits hochgeschwappt, nachdem zwei Folgen der Serie bei den Berliner Filmfestspielen im Frühjahr 2015 gezeigt worden waren. Zwei Folgen von acht, und trotzdem waren sich viele Betrachter, die dem Ereignis beiwohnen durften, sicher, hier ein großes Werk gesehen zu haben.
Die Berichterstatter blieben dieser Tendenz in den folgenden Monaten treu und stellten sich sogar beflissen in den Dienst der Sache. Immerzu gab es etwas zu melden; die Presseabteilung des Produktionsunternehmens Ufa Fiction sorgte kräftig für Nachschub. Großes Getöse erzeugten ausgewählte, weil wohlwollende US-amerikanische Kritiken, der Verkauf der Serie in die USA und der Umstand, dass sie dort sogar vor der Deutschland-Premiere gezeigt werden würde.

Das Märchen vom US-Erfolg

Die Presseartikel folgten oftmals sehr eng den Verlautbarungen der Herstellerfirma und den nicht wenigen Stellungnahmen und Interviewaussagen des fleißig werbetrommelnden Produzenten Nico Hofmann. Immer wieder war davon die Rede, „Deutschland 83“ sei in den USA mit Erfolg aufgeführt worden, mit „großem Erfolg“ gar. Bild.de tönte gewohnt reißerisch: „In den USA ist die Serie ‚Deutschland 83‘ jetzt schon ein Riesen-Erfolg!“
Der Redakteur eines Tageblatts beantwortete einen korrigierenden Hinweis sinngemäß mit den Worten: Nico Hofmann hat das aber so gesagt! Nico Hofmann – in den Augen deutscher Journalisten unanfechtbar? Ein Pate? Gar schon Papst?
Selbst der über „Deutschland 83“ deutlich skeptischer urteilende FAZ-Redakteur Jochen Hieber munkelte in seiner Rezension vom 26.11.2016 von einem „ferne[n] Erfolg“ und nobilierte nebenbei den ausstrahlenden Sender SundanceTV mit dem Hinweis, dieser sei „Mitte der neunziger Jahre von Robert Redford gegründet“ worden. Tatsächlich war die Sendergründung Ergebnis eines Joint Ventures. Redford war eine der treibenden Kräfte und firmierte in der Anfangszeit als „Creative Director“. Der heutige SundanceTV ist ein kleiner Spartensender mit geringer Reichweite. Dort brachte es „Deutschland 83“, in der Spätschiene ausgestrahlt im Original mit englischen Untertiteln, zum Auftakt auf 66.000 Zuschauer. Die höchste Reichweite lag bei 143.000 Zuschauern.
Im Gros wurde die Berichterstattung in Deutschland bestimmt von eilfertig weitergereichtem PR-Geplapper und sogar von Falschmeldungen wie der, wonach „Deutschland 83“ die erste je in die USA verkaufte deutsche Serie gewesen sei. Man mag gar nicht glauben, dass den vielen Redakteuren, die zur Streuung dieses von der dpa stammenden Humbugs beitrugen, der Fehler nicht aufgefallen sein soll. War es der Wunsch, von dem vermeintlich sensationellen Gehalt der Meldung zu profitieren? Wollte man der Serie durch diese Lügengeschichte aufhelfen?

Aus egozentrischer Perspektive geurteilt

Als dann zum Sendestart in Deutschland nur wenige Zuschauer einschalteten und die Quoten sogar von Folge zu Folge sanken, reagierten die Claqueure mit Entsetzen. In der Medienkolumne „Altpapier“ vom 21.12.2015 notierte Frank Lübberding beiläufig: „Dabei hatte diese Serie alles, was Kritikern ansonsten gefällt.“ Problem benannt, aber offenbar nicht erkannt.
In ihren Jubelarien und Lobeshymnen hatten „die Kritiker“, viele davon Vertreter einer ahistorisch und ohne nachvollziehbare Kriterien, oft auch nach überkommenen, mehr an einer theatralischen als filmischen Ästhetik orientierten Maßstäben urteilenden Berufsuntergruppe, die RTL-Produktion mit hochrangigen Serien wie „Breaking Bad“, dem US-Remake von „House of Cards“, „Mad Men“ verglichen. Und egozentrisch ihr eigenes Sehverhalten auf das große Fernsehpublikum projiziert. Ein eklatanter Fehlschluss: All diese Importserien hatten in Deutschland kaum Zuspruch gefunden. „Mad Men“ wurde sogar im Herkunftsland nur von einer winzigen Minorität goutiert und blieb dort nur aus Prestigegründen im Programm. Einem breiten Publikum – der sich im Überschwang verlierende Chor reichte vom Intelligenzblatt über die Web-Publizistik bis zur Lokalzeitung – wurde folglich etwas angepriesen, was ihm schon vorher nicht zugesagt hatte. Und das auch noch mit einer fragwürdigen Rhetorik, die bei echten, langjährigen Serienfans nur Argwohn wecken konnte.
Verstiegene Übertreibungen wie die, „Deutschland 83“ sei das deutsche „Homeland“, befeuerten dieses Misstrauen. Einige typische Zitate:
„(…) die wohl beste Serie, die RTL jemals in Auftrag gegeben hat“ (Bild.de)
„(…) die erste Folge der besten deutschen Serie circa seit Menschengedenken“ (Zeit.de)
„(…) setzt neue Erzählstandards für das deutsche Fernsehen“ (Spiegel.Online)
Es konnte kaum anders geschehen: Die Premiere ging über die Bühne – und der Kaiser war nackt. Eine unglaubwürdige Exposition, eine seltsam mäandernde Handlung ohne innere Spannung, blasse Charaktere ohne Bezugspunkte für den Betrachter, eine reizlose Inszenierung auf gewöhnlichem TV-Film-Niveau, absurde Intermezzi wie jenes mit der mordlüsternen Chinesin, Schauspieler mit Plakattafelmimik – seht her, ich bin ein ostdeutscher Stasi-Fiesling!
Auf der Web-Seite des Berliner „Tagesspiegel“ schrieb ein Zuschauer am 10. Dezember unter anderem: „Ich habe mich wirklich darauf gefreut – und wurde maßlos enttäuscht. Bei der ersten Doppelfolge bin ich fast eingeschlafen. Es hat mich einfach nicht gepackt.“ Ein anderer monierte mit gleichem Datum: „Man merkt stets und immer, dass man sich innerhalb einer Serie befindet. Schlechte, teilweise grottenschlechte, hölzerne und getriebene Dialoge.“

Man glaubt es nicht

Diese Kritiken haben durchaus ihre Bewandtnis und es verwundert, dass eine große Zahl von Rezensenten großzügig über die erkennbaren Schwächen von „Deutschland 83“ hinweg sah oder aber als typisch amerikanische Lockerheit – die Ideengeberin Anna Winger ist US-Amerikanerin – ins Positive wendete.
Schon die Exposition musste aufmerksame Betrachter irritieren. „Deutschland 83“ erzählt eingangs von dem jungen DDR-Grenzsoldaten Martin Rauch (Jonas Nay), dessen Tante Lenora (Maria Schrader) ihn im Jahr 1983 zu einer Spionageaktion im Westen nötigt. Der etwa gleichaltrige Braunschweiger Oberleutnant Moritz Stamm soll in den Stab des NATO-Generals Wolfgang Edel (Ulrich Noethen) eintreten, wird aber auf dem Weg zum Standort Daun in der Eifel ermordet. An seiner Stelle beginnt Rauch, der dem Toten ein wenig ähnlich sieht, den Dienst bei Edel.
Rauch alias Stamm erhält quasi über Nacht eine Kompaktausbildung als Spion. Die reicht als Vorbereitung nicht aus, denn vorschnell in die Praxis entlassen, kann er keine westliche Telefonanlage bedienen, ist von Speisekarten und den Usancen in bundesdeutschen Hotels überfordert. Andererseits findet sich der etwas linkische Twen in der komplexen Institution Bundeswehr offenbar intuitiv zurecht. Die systemeigene Sprache, Dienstränge, Verhaltensweisen, Rituale – alles kein Problem.
Der gesamte Plan als solcher kann nicht überzeugen. Denn aus dem sozialen oder familiären Umfeld des ermordeten echten Moritz Stamm müsste nur mal eine Person Kontakt suchen und der Schwindler wäre aufgeflogen. In einer Folge kommt es tatsächlich zu einem derartigen Vorfall, der aber eher en passant und unglaubwürdig aufgelöst wird.
Unwahrscheinlich, dass die DDR-Auslandsaufklärung eine solche Panne mutwillig riskiert hätte. Zumal, und hier wird es nun endgültig absurd, der falsche Stamm im Umfeld von Generalmajor Edel mit Oberstleutnant Karl Kramer (Godehard Giese) bereits einen weiteren DDR-Spion antrifft. Der verfügt über einen hieb- und stichfesten Lebenslauf und genießt das Vertrauen Edels – eine erstklassige Quelle für seine Auftraggeber in der DDR, die durch den Amateur Rauch unnötig in Gefahr gebracht wird.

Von Nervenkitzel keine Spur

So lassen sich Folge für Folge gravierende Brüche in der Handlungslogik belegen. Über die könnte man buchstäblich hinwegsehen, wenn denn die Serie mit ausgemachten Nervenkitzel zu fesseln vermöchte. Die Spannungstechnik jedoch beschränkt sich zumeist darauf, den Agenten Stamm in eine Situation zu bringen, in der er von plötzlicher Entdeckung bedroht ist. Nicht nur nutzen sich diese Szenen sehr bald ab, sie wirken schlechterdings nicht: würde Stamm enttarnt, käme die Serie ja nicht auf acht Folgen.
Der von manchen Rezensenten angestellte Vergleich mit der US-Thrillerserie „Homeland“ ist entsprechend grotesk. Mal abgesehen vom Umstand, dass die jüngste Staffel von „Homeland“ inhaltlich so aktuell und brisant ist, wie es nur eben geht – nach den Pariser Terroranschlägen sahen sich die Produzenten sogar genötigt, per vorangestellter Einblendung auf den rein fiktionalen Charakter der Serie hinzuweisen –, wird dort sehr geschickt mit unterschiedlichen Spannungsfaktoren gearbeitet. Manche der zumeist gut ausgeloteten Figuren treiben mit Wissen des Zuschauers doppeltes Spiel, andere bleiben rätselhaft, Absichten werden angedeutet, dann wieder unterlaufen, vermeintlich absehbare Entwicklungen erfahren unerwartete Wendungen. „Deutschland 83“ mit seinen vorwiegend eindeutigen Charakteren kam dem nicht ansatzweise nahe.
Um nochmals eine Zuschauerstimme von der Web-Seite des „Tagesspiegels“ zu zitieren: „Deutschland 83 ist einfach langweilig. Ich sitze davor und merke, dass es mir eigentlich egal ist, wie es weitergeht.“

Eine überdimensionierte Portion Hausmannskost

Bei einer ernsthaften, von Sentiment ungetrübten Betrachtung kann es überhaupt nicht verwundern, dass die Serie Folge um Folge an Zuschauern verlor. Und das war augenscheinlich auch anderswo der Fall. Auf dem Web-Portal Internet Movie Database können angemeldete Nutzer ihre Punktwertungen abgeben. Die Auftaktfolge von „Deutschland 83“ wurde 140-mal beurteilt. Danach nehmen die Stimmen pro Folge – mit einer Ausnahme – kontinuierlich ab; bei der Schlussepisode „Able Archer“ votierten nur noch 58 Stimmberechtigte.
John Anderson vom „Wall Street Journal“ (11. Juni 2015) hatte es kommen sehen: „It’s certainly entertaining and well-done but, based on the first two chapters, the viewers are going to have to swallow quite a large helping of implausible sauerkraut to attain their suspension of disbelief.“
Sagen wir‘s mal so: Spätestens nach der dritten Folge war selbst gutwilligen Betrachtern der Appetit auf dieses saure Kraut vergangen.