Notizen aus dem Fahrerlager 3

Solche Verwechslungen passieren eigentlich nur in Spielfilmen: Man steht mit einem Pappschild am Flughafen und wartet auf seine deutlich verspäteten Passagiere, als ein Haufen verwegener Gestalten durch die Sperre stürmt und irrtümlich annimmt, der Fahrer sei ihretwegen gekommen. So aber lernten sich der Asphaltliterat und „The Central Scrutinizer Band“ kennen, eine brasilianische Zappa-Coverband, die unterwegs zur Zappanale nach Bad Doberan war und aus diesen Anlass auch gleich ein kleines Kamerateam mitgebracht hatte. Sie haben dann noch glücklich hingefunden …

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Irrlichter hinterm Panoramafenster

Läuft da eigentlich gerade ein heimlicher Wettbewerb, wer dem Lesepublikum den dicksten Bären aufzubinden vermag? Die „Berliner Zeitung“ und „Frankfurter Rundschau“ verbreiteten am 25.8.: „Zwischen der ironischen ARD-Serie ‚Türkisch für Anfänger‘ und der klassisch-kitschigen Degeto-Krimireihe ‚Sinan Toprak‘ ist ein breites Panoramafenster entstanden, durch das die deutsche Mehrheitsgesellschaft interessiert auf die türkische Gemeinde nebenan blickt.“

Was Sinan Toprak anbelangt – „Sinan Toprak ist der Unbestechliche“ lautete der Originaltitel – hat mitnichten die ARD-Tochter Degeto das Fenster aufgestoßen, sondern die Produktionsfirma Hofmann & Voges, und zwar im Auftrag von RTL. 2001 war das, und damals war ein deutscher Krimititelheld türkischer Herkunft noch ein Novum. RTL sei also Respekt gezollt, auch wenn diese Pioniertat nicht ins Weltbild  unserer Kleinkarierten passt. Autor von „Sinan Toprak“ war übrigens der später in Sachen „KDD – Kriminaldauerdienst“ sehr gerühmte Orkun Ertener. Mit dem Titel der Reihe verwiesen die Urheber augenzwinkernd auf den Krimiklassiker „Simon Templar“. Aber den kennen viele heutige Medienredakteure ja gar nicht mehr.

„Türkisch für Anfänger“ stammte ebenfalls von Hofmann & Voges. Leider wurde die allseits blindlings vergötterte Schulmädchenklamotte ihrem Titel nie gerecht. Über die türkische Kultur erfuhr man dort herzlich wenig. Insofern war sie denn auch, sobald die ersten inhaltlichen Redundanzen einsetzten – also spätestens ab der zweiten Staffel – sehr verzichtbar.

Panische Collagen

Man muss kein Geld für Humorblätter ausgeben, solange es das Internet gibt. Für herzliches Gelächter sorgte beispielsweise diese Erörterung, die entgegen dem ersten Eindruck nicht als Parodie verfasst wurde:

„‚Tödliches Kommando‘ verweigerte sich bereits jeder Nacherzählbarkeit zugunsten fesselnder, ästhetischer Dichte. Mit ‚Lebanon‘ geht Maoz noch einen Schritt weiter: Sein wuchtiger Film dekonstruiert auch noch die visuelle Integrität des Szenarios zu einer panischen Collage und beschwört mit periskopischer Präzision den totalen Kontrollverlust herauf. Die mitreißende Irrfahrt ist weniger Widescreen-Drama als viel mehr klaustrophobisch-verstörendes Kammerspiel, das sich auf faszinierende Weise um sich selbst dreht, sobald sich die die Schleuse zur Außenwelt schließt.“

Der besprochene autobiografische Film „Lebanon“ des israelischen Regisseurs Samuel Maoz ist desungeachtet ein Meisterwerk. Er wird im Rahmen des Unabhängigen Filmfests Osnabrück (6.-10. Oktober 2010) aufgeführt; der Bundesstart ist für den 14. Oktober angekündigt. Koproduzent war Arte France.

Verpasste Gelegenheit

In dieser Woche ist der französische Dokumentarfilm „Babys“ in den deutschen Kinos angelaufen. Titel und Inhalt stimmen überein: Regisseur Thomas Balmes hat in verschiedenen Gegenden dieser Welt Babys gefilmt, mitunter in Situationen, die nicht ganz ungefährlich erscheinen. Eigentlich ein schöner Anlass für jene Kinderschutzbündler, Berufsempörer und Wortmelder, die im letzten Jahr gegen das von RTL adaptierte BBC-Format „Erwachsen auf Probe“ („The Baby Borrowers“) zu Felde zogen, mal wieder von sich hören zu lassen. Aber:  Man hört so gar nichts. Diesbezüglich herrscht Stille im Mediendschungel. Sind alle noch im Urlaub? Oder macht das Vertriebsmedium den Unterschied?

Notizen aus dem Fahrerlager 2

Im düsteren Ankunftsbereich des Flughafens Hannover gibt es keine Möglichkeit, einen Kaffee zu trinken, und auch sonst kein Ladenlokal, wohl aber einen Sexshop. Da scheint das langjährige Wirken von Hans Moser und Teresa Orlowski in der Leine-Stadt nicht ohne Folgen geblieben zu sein.

* * *

Fahrgästen aus anderen Teilen dieser Welt, die nach langem Flug und der Landung in Hamburg zunächst einmal die endlose Baustelle entlang der Autobahn Hamburg-Bremen zu sehen bekommen, erscheint Deutschland als ein Land im Aufbau. Andere wollen partout nicht glauben, dass es sich bei der A 1 tatsächlich um eine Autobahn handelt. Denn die sind ja frei, so jedenfalls hat man in Vorderasien sagen hören, von jeder Geschwindigkeitsbegrenzung.

Notizen aus dem Fahrerlager

Es handelt sich um eine einmalige und flüchtige Beobachtung und wurde keinen journalistischen Prüfmechanismen ausgesetzt. Man kann aber den Eindruck gewinnen, dass beim Herannahen einer iranischen Passagiermaschine deutlich mehr uniformierte Polizisten wie auch Mitarbeiter des Flughafen-Sicherheitsdienstes in den Ankunftsbereich drängen. Auch dauern Abfertigung und Gepäckausgabe auffällig lange – die Passagiere eines später eingetroffenen Flugzeugs waren bereits erleichtert davongezogen, als die letzten Fluggäste aus Richtung Teheran durch die Flügeltore traten. Liebe Terrortouristen! Wenn ihr euch also in die Lüfte erheben wollt, eure durch und durch verdammenswerten, frevlerischen Schandtaten zu verrichten, bucht keinesfalls bei Iran Air. Aber da seid ihr sicher schon selber drauf gekommen.

Kriminelle Vergangenheit

Bei uns hier im Niedriglohnsektor fehlt es leider an der nötigen Zeit zum regelmäßigen Bloggen. Insofern bestätigt die unmittelbare Lebenserfahrung die voraufgegangene theoretische Annahme, dass das Bloggen doch eher zu den Vergnügungen privilegierter Kreise zählt.

Daher mit Verspätung die Antwort auf eine Frage, die auf diesen Eintrag hin eintrudelte, nämlich welches denn, wenn schon nicht „Der Kommissar“, die erste deutsche Krimiserie gewesen sei. Das hängt nun davon ab, wie skrupulös man vorgehen möchte. Erste Kriminalspiele gab es schon im nationalsozialistischen Vorkriegsfernsehen; es wurde sogar mit einem Kriminalfilm für die neuen technischen Möglichkeiten geworben.

Aber schauen wir lieber auf das Nachkriegsfernsehen, weil hier die noch heute wirksamen programmlichen Entwicklungslinien einsetzten. Und da ragt ein Name weit heraus: Jürgen Roland. 1953 begann er mit seiner Reihe „Der Polizeibericht meldet“. Der Untertitel verrät, worum es ging: „Eine Sendung über Bekämpfung und Aufklärung von Verbrechen in Zusammenarbeit mit der Kriminalpolizei“. Roland nahm hier vorweg, wofür später Eduard Zimmermann gerühmt werden sollte. In Rolands Sendung wurde die Bevölkerung um Mithilfe bei der Aufklärung von Straftaten gebeten, es wurde aber auch vor Tricks und Maschen der Gesetzesbrecher gewarnt. In diesem Zusammenhang ließ Roland Schauspieler auftreten, die in kleinen Szenen fiktive Familiensituationen nachstellten. In engerem Sinne findet sich hier also die erste Kriminalserie im deutschen Fernsehen.

Eine mit programmhistorischem Besteck angerichtete Rückschau darf auch Kurt Paqué nicht vergessen. Paqué, ehemals Reichssender Breslau, verfasste ab 1953 Mitratekrimis für das Fernsehen. Das Publikum war aufgefordert, den Täter zu erraten und telefonisch durchzugeben – damals selbstredend noch nicht zu Wuchergebühren, sondern zum Preis eines normalen Anrufs. Die Auflösung erfolgte anfangs am späten Abend in einer Zusatzsendung, ehe man den Modus änderte und die Spannung über mehrere Tage zog. Diese Sendungen bildeten eine lockere Reihe, mithin noch keine Serie. Aber immerhin.

Betrachtet man die Angelegenheit weniger spitzfindig, landet man trotzdem bei Jürgen Roland. Nach dem Vorbild der US-Serie „Dragnet“ gestalteten er und Autor Wolfgang Menge ab 1958 die Krimireihe „Stahlnetz“, die an die deutschen Verhältnisse angepasst worden war. Zum einen nahm sich Menge reale Fälle aus den Polizeiakten zum Vorbild, zum anderen siedelten die Episoden, so wie später beim „Tatort“, in wechselnden Städten der Bundesrepublik, weshalb auch mehrere Ermittler in Erscheinung traten.

„Stahlnetz“ spielt, ähnlich wie das „Kriminalmuseum“ und „Die fünfte Kolonne“ (beide ab 1963 im ZDF), mithin eine Rolle, wenn man, wie es in der Vulgärkritik gemeinhin gehandhabt wird, „Serie“ und „Reihe“ gleichsetzt. Was man aber eigentlich nicht tun sollte.

Doch auch Krimiserien gab es lange, bevor der Fernsehermittler Kommissar Keller im ZDF seinen Dienst antrat, und zwar in einer  beträchtlichen Vielfalt. Dazu zählten unter anderem:

„Funkstreife Isar 12“ (ab 1961)

„Hafenpolizei“ (ab 1963)

„Kommissar Freytag“ (ab 1963)

„Die seltsamen Methoden des Franz Josef Wanninger“ (ab 1965)

„John Klings Abenteuer“ (ab 1965)

„Cliff Dexter“ (ab 1966)

„Pater Brown“ (ab 1966)

„Von Null Uhr Eins bis Mitternacht – Der abenteuerliche Urlaub des Mark Lissen“ (ab 1967)

Und dieses Listen-reiche Spiel könnte man noch eine Weile fortsetzen, zumal ja die Gattungsbeiträge des DDR-Fernsehens sträflich vernachlässigt wurden. Nur eines gehört hier ganz und gar nicht hin, obwohl auch dies von vorlauten Schlaubergern schon behauptet wurde: Die deutschen Edgar-Wallace-Filme der 1960er waren, anders als das britische „The Edgar Wallace Mystery Theatre“ (ab 1960), keine Fernsehproduktionen. Die kamen erst später, im Jahr 2002, bei RTL. Und waren so langweilig wie witzlos.