Kamera im Jazz-Modus

Wenn Netflix eines kann, dann begabte Menschen einkaufen. Der britische Autor Jack Thorne ist eine feste Größe in der Branche. Er arbeitet für Hörfunk und Bühne, schrieb für Serienproduktionen wie „Shameless“ und „Skins“, die „This is England“-Quadrologie, erdachte die Serie „Glue“, die wie so viele britische Qualitätsserien Krimistory mit Drama verknüpft. Für Netflix hat Thorne die Serie „The Eddy“ entworfen, über einen Jazzclub in Paris, deren US-amerikanischen Betreiber, die Musiker und deren Angehörige. Das Regiekonzept stammt von Damien Chazelle.

Die FAZ überschrieb ihre Kritik mit den Worten „Man muss Jazz schon sehr mögen“ und meinte das als Verriss. Wegen der Mitwirkung Chazelles hatte man wohl so etwas wie „La La Land“ erwartet. Aber hier geht es gerade nicht um Tralala- und Gaga-Land. Jede Episode stellt eine Figur in den Mittelpunkt, die Inszenierung ist dem erzählerischen Inhalt jeweils angepasst. In der Auftaktfolge wird selbstredend erst einmal der Jazzclub vorgestellt, der zu diesem Zeitpunkt noch zwei Besitzer hat. Die Hausmusiker, eine reale Band, sind atemberaubend gut. Der erfahrene Kameramann Eric Gautier lässt sich mitreißen, nimmt die zentralen Merkmale des Jazz, Freiheit, Improvisation, Spontaneität, und übersetzt sie ins Bild, so rhythmisiert und elektrisiert, als gehöre er selbst zur Gruppe. Die ungestüme Handkamera ist aber mitnichten bestimmend für die Serie, wie in der FAZ-Kritik behauptet. Eigentlich eine Binsenweisheit, aber sie hat wohl noch nicht die Runde gemacht: Man sollte Serien nie nach nur einer Folge beurteilen.

„Man muss Jazz schon sehr mögen“ – richtig: um eine derart authentische Serie produzieren zu können, in der die Musik nicht nur als lieblos hingehudeltes Beiwerk dient und die Instrumentalparts von Laien simuliert werden.

Hoffentlich wird der Soundtrack auch in Deutschland bald auf CD verfügbar sein. Digital gibt es ihn bereits.

Anlaufstelle in Krisensituationen: Festivalseelsorger in #Wacken

Teil des Seelsorgerteams mit Jarste Morgenthaler (2. v. r.). Copyright Harald Keller.

Teil des Seelsorgerteams mit Jarste Morgenthaler (2. v. r.). Copyright Harald Keller.

Am Donnerstagmittag geht es ausgesprochen entspannt zu im Ambulanzbereich des Festivals in Wacken. Das zentrale Publikumsgelände mit den beiden imposanten, weithin sichtbaren Hauptbühnen ist noch nicht eröffnet. Traditionsgemäß werden dort am frühen Nachmittag Skyline den Reigen der Headliner eröffnen. Jarste Morgenthaler hat Zeit für ein Gespräch. Wir sitzen im weißen Pagodenzelt unter dem schwarzen Banner „W:O:A Seelsorger – Spiritual Guidance“.

Jarste kennt das Festival gut. 2003 war sie zum ersten Mal dabei, damals noch privat. Später hörte sie von der Arbeit des Seelsorgeteams und „war sofort Feuer und Flamme“. Sie ist Psychologin und gehört seit 2011 selbst zu den Beratern, die den Festivalbesuchern als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Es mag überraschen, aber Jarste selbst ist nicht konfessionell gebunden. Der Punkt ist ihr wichtig: „Bei uns wird nicht missioniert.“

Die Festivalseelsorge ist ein Angebot des Jugendpfarramtes der evangelischen Nordkirche, richtet sich aber keineswegs nur an Christen. „Wir reden mit Menschen aller Glaubensrichtungen, auch mit konfessionslosen“, sagt Jarste. „Unsere Haltung ist natürlich von christlich-ethischen Glaubensgrundsätzen bestimmt. Damit kann ich mich identifizieren. Das hat aber nichts damit zu tun, dass man an die Bibel glauben muss.“

Bisweilen kommen Festivalbesucher von sich aus mit religiösen Fragen oder wegen einer Glaubenskrise. Die Pastoren im Team stehen in solchen Fällen als Gesprächspartner bereit. Das Spektrum der Anliegen ist indes sehr viel breiter. Entsprechend setzt sich die Beratergruppe aus Sozialpädagogen, Psychologen, Erziehern, Psychotherapeuten zusammen. Allzu konkret möchte Jarste nicht werden. Alle Gespräche unterliegen strengster Diskretion; jeder Mitarbeiter hat eine entsprechende Vereinbarung unterzeichnet. Die Klienten bleiben anonym, Foto-, Film- und Tonaufnahmen sind im Beratungsbereich nicht erlaubt. Mit anderen Worten: Was in Wacken passiert, bleibt in Wacken.

Verallgemeinert lässt sich sagen, dass vielen Ratsuchenden, vor allem solchen, die erstmals ein derart großes Festival besuchen, die überwältigenden Sinneseindrücke zu schaffen machen. „Überforderungserleben“ nennen es die Experten. Probleme im Freundeskreis oder in der Beziehung bis hin zum altbekannten Liebeskummer, auch akutes Heimweh oder Sorge um andere sind Themen, die im geschützten Raum des Seelsorgezeltes zur Sprache kommen. Äußere Umstände können Krisen auslösen oder verstärken. Das Wetter ist ein solcher Faktor – ein abgesoffenes Zelt, im Matsch verlorene Papiere, überhaupt alles, was im ersten Moment ein Gefühl der Orientierungslosigkeit oder Verlorenheit hervorruft.

Da hilft es schon, wenn man jemandem von der Misere erzählen kann. „Manchmal“, so bestätigt Jarste, „lassen sich diese Sachen durch ein Gespräch oder einen guten Ratschlag schon lösen.“ Notfalls empfehlen die Berater weiterführende Hilfsangebote. Sie sind innerhalb des Festivals und darüber hinaus gut vernetzt und werden von der Veranstaltungsleitung unterstützt.

Wichtig ist die Zusammenarbeit mit den Sanitätern, die Menschen in entsprechenden Problemlagen an das Seelsorgeteam weiterleiten. Die Berater in den blauen Westen sind auch selbst auf dem Gelände unterwegs, auf den Campingplätzen, in den Reihen des Publikums. Zwei Mitarbeiter halten sich in den Konzertphasen im Bühnenbereich auf. Die Lautstärke, das Gedränge – da kann es zu Panikattacken kommen. Bei Bedarf sind die Berater im Nu zur Stelle.

Neunzehn Mitarbeiter umfasst das Team insgesamt. Sie arbeiten in vierstündigen Schichten zwischen 13 Uhr und 5 Uhr. Außerhalb der Sprechzeiten sind sie im Notfall über die Einsatzkräfte telefonisch zu erreichen. Große Dramen sind zum Glück rar. Das Wacken Open Air sei „ein sehr friedliches und fröhliches Festival.“ Jarstes Einschätzung deckt sich mit der Wahrnehmung vieler Besucher. Das ist nicht selbstverständlich, wie erfahrene Festivalnomaden zu berichten wissen. Anderswo könne es schon mal ruppiger zugehen.

Einer der Gründe, weshalb die Metalfans vom Stamme der Wackinger ihrem Festival so treu sind. Das merkt auch Jarste, die selbst gern Melodic Metal hört, Bands wie In Flames, Children of Bodom, Blind Guardian, Iron Maiden. Manchmal melden sich Klienten bei ihr, die in einem der Vorjahre die Hilfe der Seelsorger gesucht hatten und auf ein zwangloses Hallo vorbeischauen.

Das ist schön für uns zu sehen“, sagt sie. „Ein schöner Lohn.“

Das Beratungsangebot in Wacken hat inzwischen eine Art Modellcharakter bekommen. In- und ausländische Festivals, unter anderem in der Schweiz, wollen das Konzept übernehmen.

Mit dem Dunklen Parabelritter in #Wacken

Harry Metal (l) und Alexander Prinz. (c) Harald Keller

Treffen der YouTube-Stars: Harry Metal (l.) ist der offizielle Wacken-YouTuber und Podcaster. Alexander Prinz (r.) berichtet als Der Dunkle Parabelritter. Foto: Harald Keller.

Wacken/Osnabrück. Anpacken, aber anders – so lautet die Devise des populären YouTube-Kolumnisten Alexander Prinz, der als „Der Dunkle Parabelritter“ zum Web-Star geworden ist. Seine Themen findet er im Bereich des Heavy Metal, erreicht aber auch ein Publikum weit jenseits der Nische.

Der Weg durch die Budengasse auf dem Gelände des Wacken Festivals ist mühsam. Zäher Schlick hindert die Schritte. Zudem wird Alexander Prinz alle paar Meter angesprochen. „Der Parabelritter“, ruft es von irgendwoher, und schon scharen sich die Jünger, stellen Fragen, wollen ein gemeinsames Foto. „Ich bin ja selbst schuld daran“, kommentiert Prinz. „Dann muss ich auch damit klarkommen.“

Bitte weiterlesen unter http://www.noz.de/deutschland-welt/medien/artikel/761197/der-dunkle-parabelritter-frech-und-frei-zum-erfolg-1

#Campino und die Pioniere des Brit-Punk

Den Autoren der Arte-Dokumentation ‚“London’s burning“ gelingt über eine geschickte Zusammenstellung von Einschätzungen und Erinnerungen unmittelbar Beteiligter eine aussagekräftige Darstellung der Anfänge des britischen Punk. Arte zeigt die Sendung am heutigen Samstag um 22:50 Uhr. Im Anschluss gibt es noch einen Konzertmitschnitt mit The Damned. Mehr dazu hier:

http://www.fr-online.de/tv-kritik/-london-s-burning–campino-auf-den-spuren-des-punk—arte–die-letzten-rebellen,1473344,34621148,view,asFirstTeaser.html

Heißgeliebt beim #Wacken: Mr Hurley & die Pulveraffen

Wacken, Freitag, 5.8.2016. Auf den Hauptbühnen geben sich Hauptacts wie Tarja und Bullet For My Valentine die Mikros in die Hand. Aber auch vor der Wackinger Stage bekommt man kein Bein mehr an die Erde. Trotz der großen Konkurrenz auf den anderen Bühnen blicken Mr Hurley & die Pulveraffen – heute in erweiterter Besetzung – auf ein prall gefülltes Vorderdeck. Da darf man füglich von einem kleinen Triumph sprechen. Und im nächsten Jahr sollte mindestens die Party Stage drin sein. Ach ja? – Oh ja!

#Wacken 2016: Endlich! Die Schlammrutsche!

Dutzende verzweifelter Fotografen irren über das Gelände und hoffen, dass sich endlich einer dieser seltsam gekleideten Musikliebhaber in den Schlamm wirft. Schwierig. Aber hier ist es endlich: Das alljährliche Schlammrutschenbild. Im Namen aller Nutzer mit einschlägiger Erwartungshaltung vielen Dank an die Jungs, die so freundlich waren … Im Hintergrund spielen übrigens Dragonforce.

Matschrutscher.

Rain Or Shine – Wacken-Tagebuch Teil 3

 

Heute war Altherrenabend mit vorgezogenem – meint: nachmittäglichem – Beginn. Foreigner, Whitesnake, Iron Maiden – „sogar ich würde eigens herkommen, um das zu sehen“, sagte Biff Byford von Saxon, die nachmittags das Programm der verdienten Veteranen eröffneten. Saxon als Wacken-Stammgäste hatten leichtes Spiel. „747“ wurde gewünscht und gespielt, „Wheels of Steel“ jubelnd begrüßt, „Heavy Metal Thunder“ dem verstorbenen Lemmy Kilmister gewidmet, der laut Byford „eigentlich heute hätte hier sein sollen.“ Wohl wahr.

Über die Musik von Foreigner kann man streiten, aber die einstigen Hitlieferanten wurden mehr als wohlwollend aufgenommen. In der jetzigen Besetzung ist noch Mick Jones aus der Urbesetzung dabei, aber Sänger Kelly Hansen trifft exakt das Timbre seines Vorgängers Lou Gramm. Und er liefert eine wirklich gute Show, hüpft über die Bassboxen, klettert von der Bühne und klatscht die erste Reihe ab und sprintet von der Black Stage rüber zur True Metal Stage, wo er nun wirklich nichts zu suchen hat. Aber Respekt vor der sportlichen Leistung.

Und dann Whitesnake. Für viele überraschend, die Band um Sänger David Coverdale an so prominenter Stelle im Programm zu finden. Aber die Veranstalter wussten, was sie taten. Whitesnake rockte amtlich ab, präsentierte viele alte Titel deutlich härter als in der Albumversion. Allerdings hört sich Coverdale heute auch anders an als in den 80ern, als der Formation mehrere internationale Hits gelangen. Ihr Berichterstatter hat Whitesnake zum ersten Mal seinerzeit – damals mit Bernie Marsden und Micky Moody an den Gitarren und dem großen Jon Lord an den Keyboards – im Vorprogramm von AC/DC gesehen. Und drolligerweise klingt Coverdale heute beinahe wie der in den Vorruhestand geschickte Brian Johnson. Also Axl Rose raus, Coverdale rein – das könnte funktionieren.

Whitesnake begannen bei strahlendem Sonnenschein. Dann flog ein Flugzeug über das Festivalgelände, und plötzlich schüttete es wie aus Regentonnen. Bitte schön, liebe Verschwörungstheoretiker, macht was draus. Schweren Herzens zog sich der Chronist in den Pressebereich zurück. Die Übertragung läuft nebenan auf der Großbildwand und das klingt nach Maiden in Bestform., hier entsteht der aktuelle Report. Aber ganz klar: Rock ’n‘ Roll ist das nicht. Also rasch getippt, dann wieder rüber – rain or shine.

Übrigens: Wenn man die Fotos anklickt, werden sie größer.

In Mud We Trust

Genug Konzessionen ans Klischee. Der Tag in Wacken endete trocken, und in den weißen Wolkenbällchen zeigte sich der Widerschein der untergehenden Sonne. Dunkel wird es deshalb noch lange nicht. Das Gelände ist illuminiert, und an diesem Abend sorgten zudem die Endzeit-Rocker von Monstagon auf der Wasteland Stage mit ihrer Feuershow für taghelles Licht. Das Wasteland ist von George Millers „Mad Max“-Filmen inspiriert und beherbergt verwegene Gestalten. Monstagon waren also hier genau richtig untergebracht.

Zuvor hatten die Red Hot Chili Pipers – nein, nicht Peppers – auf der Wackinger Stage eine ihrer begeisternden Shows präsentiert. Das Publikum stand dicht gedrängt, ließ aber immer noch Platz für Polonäse und Paartanz. Menschen mit Metallica-Shirt und AC/DC-Janker hüpften entfesselt zu den Klängen der charmanten Schotten, die Titel von Journey, Queen und vielen anderen durch ihre Sackpfeifen jagen, dass es nur so groovt.

An derselben Stelle absolvierten die Osnabrücker Mr Hurley & die Pulveraffen am Nachmittag einen triumphalen Auftritt. Das wird hier nicht nur so dahinbehauptet, das lässt sich fotografisch belegen. Siehe die obige Ablichtung. Einmal durchzählen, dann mal zwei nehmen, dann hat man die ungefähre Besucherzahl. Und morgen, wenn die Pulveraffen erneut auftreten, werden es wahrscheinlich noch einige mehr.

Am Abend hatten eigentlich Phil Campbell’s All Starr Band auf dem Programm gestandern. Aber der Ex-Motörhead-Gitarrist spielt im Zelt, und der Andrang am engen Eingangsbereich war beängstigend groß. Daher hier kein Bericht über das Konzert. Sicher wird er morgen beim Tribut an den verstorbenen Motörhead-Sänger Lemmy Kilmister, der auf dem Gelände bereits mit einer überlebensgroßen Statue geehrt wird, dabei sein. Dazu dann demnächst mehr.