Post von Casdorff

Seltsame Zeilen finden sich im Web-Angebot des Berliner „Tagesspiegels“ mit Datum 23.9.2015. Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff schreibt dort unter anderem:

„Alle nehmen Anteil, alle sehen das Unglück, alle wollen helfen. Fast alle. Und das Fernsehen? Das Öffentlich-Rechtliche, wie niemand sonst berufen zur Berichterstattung, zur authentischen Nachricht, live, aktuell, spielt seine Stärke im Geschehen um die Geflüchteten, Schutzsuchenden nicht aus. Anstatt das Programm grundlegend zu ändern, Nachrichtensender zu sein mit Reportagen und Interviews zum Beispiel, von der österreichisch-ungarischen Grenze, wo ein kleiner Ort Tausende aufnimmt, bringen sie irgendeinen zeitlosen Krimi.“

Der Leser staunt und rätselt: Die vom Pressegesetz aufgegebene Sorgfaltspflicht vergessen? Ein Fall von Realitätsverlust? Billige Polemik, mal ein bisschen den Wagner markieren? Dann dämmert’s einem: Der Mann hat versehentlich Netflix angeklickt und mit einem Fernsehsender verwechselt. Verzeihlich, das kann natürlich mal passieren.

Die Blochin-Gleichung

Blochin

Foto: Stephan Rabold / ZDF

Am kommenden Freitag zeigt das ZDF die Auftaktepisode des Fünfteilers „Blochin – Die Lebenden und die Toten“. Der Sender sprach schon früh, die Premiere fand im Rahmen der Berliner Filmfestspiele statt, von einer „horizontalen Erzählung“. Eines dieser Modeworte, mit denen Serienneulinge Kennerschaft simulieren.

„Blochin“ ist schlicht einer dieser Mehrteiler, wie wir ihn seit 1959 kennen, als mit „So weit die Füße tragen“ der erste aber sowas von horizontal erzählte sogenannte „Fernseh-Roman“ ausgestrahlt wurde, dem 1960 „Am grünen Strand der Spree“ und dann vor allem Kriminalmehrteiler etwa aus der Feder Francis Durbridges und seines Nachahmers Herbert Reinecker folgten.

Unklug vom ZDF, sprachlich den Anschluss an einen vom deutschen Feuilletonismus aufgebauschten Trend zu suchen, statt selbstbewusst auf eigene Erzähltraditionen und -errungenschaften zu verweisen. Wie nicht anders zu erwarten, nehmen Kritiker das ZDF beim deplatzierten Wort und werfen nun vergleichsweise die längst überstrapazierten und das Produktionsgeschehen gar nicht repräsentierenden Referenztitel „The Wire“ und „Breaking Bad“ in die Runde.

Auch sonst lassen sich im Rezensionswesen frappante Übereinstimmungen beobachten. Siehe unten. Ist man sich da rein zufällig einig bis aufs Wort? Die Kritik bei Tittelbach.tv erschien am 31. August 2015. Bei Quotenmeter, der Seite mit den lustigen Grammatikverrenkungen, wird als Veröffentlichungsdatum der 22. September 2015 angegeben.

Tittelbach.tv: „Das ZDF versucht sich mit Matthias Glasners Serie „Blochin“ am horizontalen Erzählen.“
Quotenmeter: „Das ZDF versucht sich an einer stimmungsvollen, horizontal erzählten Serie.“

Tittelbach.tv: „Blochin sucht Hilfe bei seinem Schwager – und dieser nimmt die Sache selbst in die Hand.“
Quotenmeter: „Denn als Blochin von einem schurkischen Ex-Kumpel erpresst wird, nimmt der ‚Lieutenant‘ die Dinge selbst in die Hand.“

Tittelbach.tv: „So entsteht eine lineare Und-dann-und-dann-Narration, die einen irgendwann ermüdet, weil nur Informationen angehäuft werden, anstatt dass sich der Film aus seiner Montage heraus selbst erzählen würde.“
Quotenmeter: „Das Drehbuch des generell sehr fähigen Regisseurs und Autors Matthias Glasner entwirft kein packendes Konstrukt, sondern listet die Geschehnisse bloß in einer ‚Und dann, und dann, und dann …‘-Aneinanderreihung haarklein auf.“

Tittelbach.tv: „Das Erzählte wäre passend für einen dreistündigen Zweiteiler.“
Quotenmeter: „Die Geschichte würde eher einen Zweiteiler tragen als eine Serienstaffel (…)“

Verunfallte Vergleiche

Zur TV-Serie „The 100“ (ProSieben) findet sich eine bemerkenswerte Beobachtung auf „Süddeutsche.de“. Die beauftragte Autorin urteilt: „Insgesamt erinnert vieles in The 100 an bereits Dagewesenes: die Hierarchien, die sich unter den Jugendlichen bilden, aktuell an die Science-Fiction-Serie Between (Netflix) (…)“

Nun hatte „Between“ am 25. Mai 2015 Premiere, „The 100“ aber bereits am 19. März 2014. Und das als Vorlage dienende Buch circa ein halbes Jahr vorher. Soviel zum Thema „Dagewesenes“ und zum Thema verunfallte Vergleiche. Nur der Vollständigkeit halber, für die paar Leser, die es gern etwas genauer wissen möchten: „Between“ wurde von einer kanadischen Produktionsfirma entwickelt. Netflix stieg als Ko-Finanzier ein und erhielt dafür die Rechte zur Verwertung außerhalb Kanadas. Nach zwölf Monaten Frist darf Netflix dann auch in Kanada streamen.

In ihrem Autorenprofil vermeldet die Verursacherin der oben zitierten Zeilen, sie schreibe „über alles, was ihr so in den Sinn kommt“. Nun denn …

Im Banne des Netflix-Imperiums

Aus Warte des einfachenden lesenden Volkes bleibt weiterhin unerfindlich, in welchem Maße sich Journalisten willig als Herolde des Netflix-Imperiums gebärden. Aktueller Kasus: Die „Berliner Zeitung“ meldet in ihrem Web-Kulturteil vom 17. Juli 2015: „Das sind unsere liebsten Netflix-Serien“. Serien-Rankings sind zwar weiterhin Unsinn, aber en vogue und hinnehmbar. Die wenig originelle Auswahl mal beiseite gelassen, ist allerdings mehr als fragwürdig, dass hier ein kommerzieller Streaming-Anbieter als alleinige Quelle genannt wird. Denn ausgenommen die ursprünglich für Starz entwickelte Abenteuerserie „Marco Polo“ und die von der Senderkette NBC übernommene Sitcom „Unbreakable Kimmy Schmidt“ sind die genannten Serientitel auch anderweitig verfügbar.

„House of Cards“: Die wegen des Fehlen eines würdigen Antagonisten arg ermüdende, den Politverdruss bestärkende Produktion, die von Netflix exklusiv für den US-Markt angekauft wurde und deshalb nicht ganz korrekt als Netflix-Eigenproduktion gilt, ist in Deutschland mehrfach im Angebot. Hier in alphabetischer Abfolge (Stand 21.7.2015):

Amazon (drei Staffeln)
iTunes (drei Staffeln)
Maxdome (drei Staffeln)
Sky Go (drei Staffeln)
Sky Online (drei Staffeln)
Sony (drei Staffeln)
Videoload (zwei Staffeln)
Wuaki (zwei Staffeln)
Xbox Video (drei Staffeln)

Weiter empfiehlt die „Berliner Zeitung“ die Gefängnisserie „Orange Is the New Black“, anders als „House of Cards“ tatsächlich eine Netflix-Eigenproduktion, die – ausgenommen die dritte Staffel – desungeachtet nicht nur bei Netflix zu sehen ist. Sondern auch bei:

Amazon (zwei Staffeln)
iTunes (zwei Staffeln)
Sony (zwei Staffeln)
Xbox Video (zwei Staffeln)

Mit dem Spin-off „Better Call Saul“ warf sich Netflix in die Erfolgwelle von „Breaking Bad“, einer Serie des AMC-Networks. Die erste Staffel des Titels ist vielerorts verfügbar:

Amazon
iTunes
Maxdome
Sony
Xbox Video

Den Abschluss der fünf Titel umfassenden Bestenliste der „Berliner Zeitung“ bildet „The Walking Dead“, eine Produktion des AMC-Networks, die von Netflix nur vertrieben wird. Genauso wie von:

Amazon (vier Staffeln)
iTunes (vier Staffeln)
Maxdome (vier Staffeln)
Snap by Sky (zwei Staffeln)
Sony (vier Staffeln)
Videoload (vier Staffeln)
Watchever (vier Staffeln)
Xbox Video (vier Staffeln)

Ein vergleichbarer Fall: Literaturkritiker nennen ihre Lieblingsbücher. Und geben nur einen einzigen Versender als Bezugsquelle an. Die Leserschaft würde sich doch sehr wundern …

Aktualisierung:

Für die „Berliner Zeitung“ teilt auf Anfrage Maike Schultz mit:

„ (…) bei den Serientipps handelt es sich einen Teil eines größeren Themenkomplexes zu Netflix (das war Tagesthema in der Printausgabe). Redaktioneller Anlass war diese Berichterstattung: http://www.berliner-zeitung.de/kultur/deutsches-fernsehen-vs–netflix—co–keine-direkte-konkurrenz-fuer-ard-und-zdf-,10809150,31245104.html
Als Ergänzung dazu hat die Redaktion geschaut, welche Serien es bei Netflix gibt und die Tipps geschrieben.
Die Überschrift meinte also Serien, die (auch) bei Netflix zu sehen sind – und nicht Serien, die originär von Netflix produziert wurden. Sie haben allerdings Recht damit, dass das missverstanden werden kann. Wir ändern den Titel in ‚Web-Serien‘.“

Ergänzung des Verfassers: Die neue Überschrift lautet jetzt „Das sind unsere liebsten Serien im Internet“.

Roboterjournalismus

Jetzt ist es wohl soweit. Bei der Nachrichtenagentur dpa werden die Texte nunmehr von Robotern verantwortet. Wie anders wäre ein Beitrag vom 16. Juni zu erklären, der in vielerlei Medien, etwa von Süddeutsche.de, augenscheinlich ungeprüft übernommen wurde? Dort heißt es unter anderem: „Das deutsche Fernsehen lebt von amerikanischen Serien, deren Qualität von peinlich bis exzellent reicht, aber eine deutsche Serie hat es noch nie ins gelobte Land des Fernsehens geschafft.“ Der Satz zielt auf „Deutschland 83“, eine RTL-Produktion, die – da haben die beteiligten PR-Strategen ganze Arbeit geleistet – bereits umfassend in den Feuilletons vertreten war und allerlei Rumoren veranlasste, ehe auch nur der erste Trailer über die Mattscheibe geflimmert ist.

Was an dieser Aussage falsch ist, verrät die „Medienkorrespondenz“ unter http://www.medienkorrespondenz.de/ansichten-sachen/artikel/fernsehserientexte-von-dpa-oder-wir-sind-dienbsproboter.html

Die Ware Wahrheit

Sagt es eventuell etwas über den Zustand der heutigen Journalisterei aus, wenn die dpa in einer Pressemitteilung zu Steven Spielbergs kommendem Kinospektakel „Bridge of Spies – Der Unterhändler“ betont, dieser beruhe auf „wahren Tatsachen“? Denn offenbar kennt man bei der Nachrichtenagentur und ihren Kunden auch unwahre Tatsachen. Das gibt zu denken. Weitere Belege hier, hier und in diversen Printprodukten.

Von Häme und Heizmitteln

„Sorglos“ ist noch die höflichste Form, wenn man die Auseinandersetzung deutscher Feuilletons mit erzählenden Fernsehserien beschreiben möchte. Ein Beispiel liefert aktuell wieder einmal „sueddeutsche.de“. Die Web-Seite unterrichtet ihre Leser: „Wer will bei dieser Hitze schon fernsehen? Drinnen sitzen, in die Röhre starren? Wohl die wenigsten. In Amerika gibt es sogar eine hämische Bezeichnung für Serien, die im Juni-Juli-August-Programm buchstäblich verheizt werden: summer replacements, die Sommer-Platzhalter.“ Und sie rechnet die in Deutschland gerade bei Sixx angelaufene Spielberg-Produktion „Extant“ (freitags, 20:15 Uhr) gleich mal dazu.

Der Begriff „mid-season replacement“ bezeichnet ganz unhämisch eine Serie, die nach dem Scheitern einer anderen Produktion aus dem Herbst- respektive Frühjahrsprogramm ersatzweise zur Ausstrahlung gelangt. Da in den USA inzwischen entgegen früherer Praxis die Sommermonate nicht mehr durchgängig mit Wiederholungen bespielt werden, gibt es folgerichtig nun auch „summer replacements“, also Ablösungen für Unterhaltungsreihen und Serien, die nicht den nötigen Zuschauerzuspruch fanden.

In diese Kategorie fällt „Extant“ gerade nicht. Die Serie war von vornherein für eine Ausstrahlung in den Sommermonaten vorgesehen. Quellen dafür gibt es reichlich, stellvertretend sei „Thefutoncritic.com“ zitiert: „CBS has given a straight-to-series order for 13 episodes of EXTANT, a serialized drama from Steven Spielberg’s Amblin Television and CBS Television Studios. The series will be broadcast during summer 2014.“ Datum der Veröffentlichung: 7. August 2013.