Vorbildlich: Die Ausnahmeproduktion „Broadchurch“

Am heutigen Mittwoch (30.9.) zeigt das ZDF bei ZDFneo noch einmal die britische Produktion „Broadchurch“, ein Meisterstück auf dem Gebiet der seriellen Kriminalerzählung. Auch als Wiederholung sehenswert, denn in Kenntnis der Auflösung lässt sich umso besser ermessen, mit welcher Raffinesse Autor Chris Chibnall und die Regisseure James Strong und Euros Lyn das personelle Geflecht der von einem Kindsmord betroffenen Kleinstadt und die dortigen psychosozialen Verhältnisse arrangiert und filmisch umgesetzt haben. Die Bildgestaltung von Kameramann Matt Gray, die hochpräzise eingesetzten Verschiebungen der Bildschärfe, die Großaufnahmen, die eleganten Plansequenzen – zu Beginn werden in einer einzigen Kamerafahrt bereits mehrere wichtige Protagonisten eingeführt -, trägt neben der Musik des isländischen Komponisten Ólafur Arnalds ganz wesentlich zur Wirkung und Qualität dieser Serie bei.

„Broadchurch“ erzählt die Geschichte vom Mord an Danny …

Offenbar hatte das ZDF mit den Ausstrahlungs- auch die Remake-Rechte übernommen, denn die im Februar ausgestrahlte zweiteilige Eigenproduktion „Tod eines Mädchens“ wies deutliche Übereinstimmungen mit „Broadchurch“ auf, nebst einigen Anleihen bei der ersten Staffel von „Kommissarin Lund – Das Verbrechen“. Wobei das Ganze vor allem im visuellen Bereich deutlich hinter dem Original zurückblieb.

In „Tod eines Mädchens“ heißt das Opfer Jenni.

In „Broadchurch“ liefert Jodie Whittaker eine zutiefst berührende schauspielerische Leistung in der Rolle der Mutter des toten Kindes.

Szenenfoto: ZDF

In „Tod eines Mädchens“ spielte Anja Kling den gleichen Part in einer nahezu übereinstimmenden Familienkonstellation. Szenenfoto: ZDF

Für „Tod eines Mädchens“ wurde manche Einstellung aus entgegengesetzter Perspektive aufgenommen …

…, aber gewisse Ähnlichkeiten sind kaum von der Hand zu weisen.

Man darf da schon füglich von Nachahmung sprechen. Nicht allerdings jene, die bei „Stromberg“ – im Original „The Office“ – über einen ähnlichen Vorgang großzügig hinweggesehen haben …

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Post von Casdorff

Seltsame Zeilen finden sich im Web-Angebot des Berliner „Tagesspiegels“ mit Datum 23.9.2015. Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff schreibt dort unter anderem:

„Alle nehmen Anteil, alle sehen das Unglück, alle wollen helfen. Fast alle. Und das Fernsehen? Das Öffentlich-Rechtliche, wie niemand sonst berufen zur Berichterstattung, zur authentischen Nachricht, live, aktuell, spielt seine Stärke im Geschehen um die Geflüchteten, Schutzsuchenden nicht aus. Anstatt das Programm grundlegend zu ändern, Nachrichtensender zu sein mit Reportagen und Interviews zum Beispiel, von der österreichisch-ungarischen Grenze, wo ein kleiner Ort Tausende aufnimmt, bringen sie irgendeinen zeitlosen Krimi.“

Der Leser staunt und rätselt: Die vom Pressegesetz aufgegebene Sorgfaltspflicht vergessen? Ein Fall von Realitätsverlust? Billige Polemik, mal ein bisschen den Wagner markieren? Dann dämmert’s einem: Der Mann hat versehentlich Netflix angeklickt und mit einem Fernsehsender verwechselt. Verzeihlich, das kann natürlich mal passieren.

Die Blochin-Gleichung

Blochin

Foto: Stephan Rabold / ZDF

Am kommenden Freitag zeigt das ZDF die Auftaktepisode des Fünfteilers „Blochin – Die Lebenden und die Toten“. Der Sender sprach schon früh, die Premiere fand im Rahmen der Berliner Filmfestspiele statt, von einer „horizontalen Erzählung“. Eines dieser Modeworte, mit denen Serienneulinge Kennerschaft simulieren.

„Blochin“ ist schlicht einer dieser Mehrteiler, wie wir ihn seit 1959 kennen, als mit „So weit die Füße tragen“ der erste aber sowas von horizontal erzählte sogenannte „Fernseh-Roman“ ausgestrahlt wurde, dem 1960 „Am grünen Strand der Spree“ und dann vor allem Kriminalmehrteiler etwa aus der Feder Francis Durbridges und seines Nachahmers Herbert Reinecker folgten.

Unklug vom ZDF, sprachlich den Anschluss an einen vom deutschen Feuilletonismus aufgebauschten Trend zu suchen, statt selbstbewusst auf eigene Erzähltraditionen und -errungenschaften zu verweisen. Wie nicht anders zu erwarten, nehmen Kritiker das ZDF beim deplatzierten Wort und werfen nun vergleichsweise die längst überstrapazierten und das Produktionsgeschehen gar nicht repräsentierenden Referenztitel „The Wire“ und „Breaking Bad“ in die Runde.

Auch sonst lassen sich im Rezensionswesen frappante Übereinstimmungen beobachten. Siehe unten. Ist man sich da rein zufällig einig bis aufs Wort? Die Kritik bei Tittelbach.tv erschien am 31. August 2015. Bei Quotenmeter, der Seite mit den lustigen Grammatikverrenkungen, wird als Veröffentlichungsdatum der 22. September 2015 angegeben.

Tittelbach.tv: „Das ZDF versucht sich mit Matthias Glasners Serie „Blochin“ am horizontalen Erzählen.“
Quotenmeter: „Das ZDF versucht sich an einer stimmungsvollen, horizontal erzählten Serie.“

Tittelbach.tv: „Blochin sucht Hilfe bei seinem Schwager – und dieser nimmt die Sache selbst in die Hand.“
Quotenmeter: „Denn als Blochin von einem schurkischen Ex-Kumpel erpresst wird, nimmt der ‚Lieutenant‘ die Dinge selbst in die Hand.“

Tittelbach.tv: „So entsteht eine lineare Und-dann-und-dann-Narration, die einen irgendwann ermüdet, weil nur Informationen angehäuft werden, anstatt dass sich der Film aus seiner Montage heraus selbst erzählen würde.“
Quotenmeter: „Das Drehbuch des generell sehr fähigen Regisseurs und Autors Matthias Glasner entwirft kein packendes Konstrukt, sondern listet die Geschehnisse bloß in einer ‚Und dann, und dann, und dann …‘-Aneinanderreihung haarklein auf.“

Tittelbach.tv: „Das Erzählte wäre passend für einen dreistündigen Zweiteiler.“
Quotenmeter: „Die Geschichte würde eher einen Zweiteiler tragen als eine Serienstaffel (…)“

Fernsehgeschichte(n)

Eine Fernsehansagerin löst sittliche Empörung aus. Konrad Adenauer nuschelt unverständlich ins Mikrofon. Ein Bundesminister macht grundsätzlich alles falsch. Und war Clemens Wilmenrod tatsächlich der erste Fernsehkoch Deutschlands?
Diese und andere Geschichten aus der Fernsehfrühzeit sind Thema der Lesung „Vor Kamera und Mikrofon“, am Sonntag, 20.9.2015, im Osnabrücker Heger-Tor-Viertel, Bühne vor dem Kulturhaus, ca. 16.40 Uhr. Das Leseprogramm basiert auf dem Buch „Die Geschichte der Talkshow in Deutschland“ (S. Fischer Verlag).
Vorweg im selben Programmblock: Uta Lanwermeyer, Heinz Steinborn, Oliver Schumacher und der Singer-Songwriter Björn Tillmann. https://bjoerntillmann-music.bandcamp.comDie Geschichte der Talkshow

Tanzstunden auf heiligem Boden

Die Briten stehen noch Schlange. Zum Beispiel beim Einlass vor dem Fernsehstudio im Norden Londons, in dem Anfang September 2015 die Auftaktsendung zur jüngsten Staffel von „Strictly Come Dancing“, in Deutschland bekannt als „Dancing With The Stars“, aufgezeichnet wurde. Die Reihe der diszipliniert Wartenden reichte halb um den gesamten Komplex. Für eine Besucherin war es zeitlich knapp geworden, sie tauschte in ihrem abseits geparkten, geräumigen SUV mit bewundernswerter Geschmeidigkeit das Business-Kostüm gegen elegante Abendgarderobe und legte etwas auffälligeres Makeup auf. Das habe ich selbstredend nicht fotografiert. Man ist ja Gentleman. Im selben Studio wurden übrigens auch schon „Star Wars“ und, in der hinteren Backsteinhalle, Guy Ritchies „Sherlock Holmes“-Filme sowie zahlreiche britische Serienklassiker wie „Mit Schirm, Charme und Melone“ gedreht. Heiliger Boden, sozusagen.

Copyright: Harald Keller (Fotoqualität reduziert)

Copyright: Harald Keller (Fotoqualität reduziert)

Happy Birthday, Agatha

Grand Hotel Torquay

In diesem schmucken Hotel in Torquay verbrachte Agatha Christie nach einer kriegsbedingt überhastet vollzogenen Eheschließung 1914 ihre Hochzeitsnacht. Heute, am 15. September, wäre Dame Agatha 125 Jahre alt geworden. Mehr zu Agatha Christie und zur Englischen Riviera, wo sie viele ihrer Romane ansiedelte, auf Anfrage, ebenso Fotos von Romanschauplätzen aus heutiger Sicht. Copyright: Harald Keller. (Fotoqualität reduziert.)

Stationen im Herbst 2015:

Copyright: Uta Paehlke

12.9. Bippen-Restrup, „Compagnia Buffo“: „Musicland“
Rock, Funk, Soul – Musik aus den Rockdiskotheken der 60er, 70er und frühen 80er
DJs: Gisbert Wegener, Harald Keller. Videomix: Harald Keller
ab 21h

19.9. Lingen, Freiwilligenzentrum, Lindenstr. 13: Gemeinschaftslesung „Lingener Auslese“
Leseprogramm „Ein schöner Tag für den Tod“ – Auszüge aus dem gleichnamigen Krimi (Oktober Verlag) nebst Bilderprojektion
ab 14h

20.9. Osnabrück, Altstadt: Gemeinschaftslesung „Auf ein Wort!“
Leseprogramm „Vor Kamera und Mikrofon“ – Fakten und Kuriosa aus den Anfängen des Fernsehens. Auszüge aus dem Buch „Die Geschichte der Talkshow in Deutschland“ (S. Fischer Verlag)
ab 15h

1.10. Bad Iburg, „Casablanca“: „The Beat Goes On – live“
Lesung mit Live-Musik von Hubert Litterscheid und Dieter Hölscher
Beginn: 20h

3.10. Osnabrück, Lagerhalle: „My Generation“
Rock, Funk, Soul – Musik aus den Rockdiskotheken der 60er, 70er und frühen 80er
DJs: Gisbert Wegener, Harald Keller. Videomix: Reinhard Westendorf
ab 20:30h

27./28.11. Stendal, Hochschule Magdeburg-Stendal: Tagung (Über-)Leben in der Provinz
Kurzvortrag. Infos unter https://www.hs-magdeburg.de/hochschule/fachbereiche/angewandte-humanwissenschaften/fachtagung-und-ringvorlesung/jugendkulturen-ueber-leben-in-der-provinz.html