Ungewöhnliche polizeiliche Maßnahmen

Als die Fernsehkritik noch stärker ideologisch geprägt war, wurde den TV-Kriminalfilmen angekreidet, dass sie die gesellschaftliche Wirklichkeit verfälschen. Demnach geriet das Verbrechen auf dem Bildschirm stets zum Sonderfall. Ein temporärer Defekt im System, der von den zuständigen Fachleuten der Kriminalkommissariate innerhalb der vorgegebenen Sendezeit behoben wurde. Die Wirklichkeit sah anders aus.

Falsch waren diese Anwürfe nicht. In den meisten frühen US-amerikanischen Krimiserien kamen die Verbrecher, dieser Vorgabe der Sendeleitungen und Sponsoren hatten sich die Autoren zu beugen, niemals davon. Es sei denn, ihre Taten richteten sich gegen andere Gesetzesbrecher, so wie 1964 in der komödiantischen Serie „Gauner gegen Gauner“ mit den Kinostars David Niven, Gig Young und Charles Boyer oder in „Ihr Auftritt, Al Mundy“ mit Robert Wagner und Fred Astaire.

Längst genießen Drehbuchautoren größere Freiheiten. Allerdings wählen sie weiterhin vorzugsweise die Form der Komödie, als Farce oder Satire, bis hin zum Galgenhumor, wenn Gesetzesbrechern Sympathien zugeschrieben werden. Es mutet wie eine Vorsichtsmaßnahme an, wenn das ZDF im Pressematerial zum Film „Das Gesetz sind wir“ immer wieder herausstellt, dass es sich um eine Komödie handelt.

Den Rest des Textes gibt es hier: https://www.fr.de/kultur/tv-kino/tv-kritik-gesetz-sind-wir-zdf-spannender-polizeikrimi-zr-13612540.html

Die Detektivinnen des ZDF

Mittwochs zeigt ZDFneo derzeit die Serie „Dunkelstadt“ mit Alina Levshin. Auch in der Mediathek sind die sechs Folgen verfügbar. Die Idee klingt ansprechend: Eine junge, allen Regeln und bürgerlichen Lebensweisen abholde Privatdetektivin erledigt in trübem Großstadtambiente ihre jeweiligen Aufträge. Zudem beschäftigt sie der Verdacht, dass ihr Vater, ein Polizist, im Dienst ermordet wurde.

Herausgekommen ist leider nur ein kläglicher Versuch, den Film noir nachzuahmen. Wie einst die Philip Marlowes in den Chandler-Verfilmungen spricht die Detektivin Doro Decker (sic!) das Publikum aus dem Off an. Die läppischen Texte der Erzählerin sind jedoch so dermaßen missraten, dass man sich nur wundern kann, wie die durch die Abnahme gerutscht sind.

Schon 1963, kein Tippfehler, hatte das ZDF eine Serie mit einer Detektivin ausgestrahlt. Der Titel: „Die Karte mit dem Luchskopf“, mit Kai Fischer, die auch die Konzeptidee hatte. Natürlich ist die damals am Vorabend gezeigte Serie handwerklich weit entfernt von heutigen Standard, inhaltlich aber um einiges cleverer als „Dunkelstadt“, und natürlich war sie thematisch – Stichwort Geschlechterrollen – ihrer Zeit voraus.

Die Karte mit dem Luchskopf“ (13 Episoden) gibt es auf DVD und bei Amazon Prime. Nebenbei: Immer wieder mal liest man, „Der Kommissar“ (ab 1968) sei die erste Krimiserie des ZDF gewesen. Richter Henry Bone in „Picket Fences“ hätte es „Geplapper“ genannt. Fürs Protokoll: „Die Karte mit dem Luchskopf“ – 1963!

(Fotos: Pidax)

Britische Qualitätsware

Wieder einmal bietet der Spartensender ZDFneo erstklassige Serienunterhaltung aus Großbritannien.

Das Publikum anspruchsvoller Serien muss nicht unbedingt kostenpflichtige Anbieter buchen. Öffentlich-rechtliche Mediatheken sorgen kostenlos für anregende Fernsehstunden. Das ZDF beispielsweise hat über Jahre hinweg immer wieder Qualitätsware in Großbritannien eingekauft, wo sich auch Streaming-Anbieter gerne eindecken. Krimifreunde finden derzeit in der Mediathek von ZDFneo empfehlenswerte Produktionen wie „Line of Duty“, die Spielfilmfortsetzung „Verräter in den eigenen Reihen“ zu der ungewöhnlichen Agentenserie „Spooks“ mit „Game of Thrones“-Star Kit Harington, den Vierteiler „From Darkness“ und vorneweg die dritte Staffel von „Broadchurch“, eine Serie, die schon mit der ersten Staffel Maßstäbe gesetzt und mit der dritten nochmals übertroffen hat.

Mehr dazu hier: https://www.fr.de/kultur/tv-kino/tv-kritik-the-bay-zdfneo-bucht-luegen-zr-13597685.html

Leise tönt das Todesglöckchen

Habe gerade bei faz.net wieder eine dieser journalistischen Denksportaufgaben entdeckt. Am 3.3.2020 hieß es dort in einer Einleitung: „Beim Grimme-Preis zeigt sich, dass die Tage des linearen Fernsehens gezählt sind. Denn einige wichtige Preise gehen an Streamingdienste.“ Lesen wir weiter.

„Einige wichtige Preise“ sind in Zahlen ausgedrückt drei von sechzehn. In Ziffern: 3. Zwei gehen an Serienproduktionen, einer an ein Unterhaltungsformat. Alle Preise im Bereich Kultur & Information sowie Kinder & Jugend – in den Augen von FAZ-Autoren offenbar eher unwichtig – bleiben beim linearen öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Da dessen Tage laut faz.net gezählt sind – müssen wir demnächst auf qualitative und auszeichnungswürdige Informations- und Kindersendungen verzichten? Oder helfen Netflix, Amazon und Konsorten aus? Und wenn ja, was soll’s kosten?

Ein Miethai tut den letzten Atemzug

Das ZDF zeigt den dreißigsten Film der erfolgreichen Krimireihe „Ein starkes Team“. Die TV-Kritik.

In seinen besten Zeiten prägte der US-amerikanische Journalist und Schriftsteller Tom Wolfe das schöne Wort von der „Totem-Zeitung“. Gemeint waren Zeitungen, „die die Leute nicht kaufen, um sie zu lesen, sondern um sie zu haben, sie physisch zu besitzen, weil sie sich von ihnen in der eigenen Lebensauffassung bestätigt fühlen.“ Eine Filterblase, schon anno 1963 … Lange ist es her, die Zeitungen als solche haben an Prestigewert verloren. Ganz ähnlich könnte man heute von Fernsehserien sprechen. Von jenen, die man gesehen haben muss, die man gesehen haben sollte.

Weiter im Text geht es hier: https://www.fr.de/kultur/tv-kino/tv-kritik-ein-starkes-team-zdf-miethai-macht-letzten-atemzug-zr-13418317.html

Es ächzt und knirscht im Tragewerk

Die Kämpfernatur Blochin geht heute in die letzte Runde. Ein kritischer Blick auf die Anfänge und eine Einführung für Späteinsteiger findet sich hier: https://www.medienkorrespondenz.de/fernsehen/artikel/matthias-glasermaxim-kuphal-potapenkolaura-lackmannsvenja-rasocha-blochin-die-lebenden-und-di.html

Fernsehqualität dank fiskalischer Förderung

Kleines Land, große Serien: In der belgischen Fernsehproduktion spielt auch das Finanzamt eine Rolle.

Sam Leroy (Patrick Ridremont) ist angespannt. Säugling Oscar braucht seine Milch, Sohn Robin (Simon Caudry) und Tochter Emmy (Nola Tilman) müssen zur Schule. Mitten im morgendlichen Trubel wird der Kriminalermittler an einen Tatort gerufen. In der Hektik hat er Oscars Nuckelflasche eingesteckt. „Ist das deine Geheimwaffe?“, spöttelt die Kollegin Billie Vebber (Constance Gay).

In der belgischen Kriminalserie „Unit 42“ ist es zur Abwechslung einmal ein Mann, der Haushalt, Familie und Beruf koordinieren muss. Gewählt hat er diese Rolle nicht. Camille Leroy (Caroline Stas) hat, so deutet sich an, den Freitod gewählt. Für Sam und die Kinder aber ist sie noch anwesend. „Nacht, Mama“, sagt Robin auf dem Weg ins Bett. Wir Zuschauer sehen sie, wie sie schweigend Sams wachsende Verzweiflung verfolgt.

Manchen Krimifreunden sind solche Einblicke ins Privatleben der Ermittler unlieb. Gerade auf dieser Ebene aber gewinnt die mit gewählten Einstellungen und Details sorgfältig inszenierte Serie besonderes Niveau.

Weiter geht es hier (die dortige Überschrift bitte geistig ausblenden): https://taz.de/Krimiserie-bei-ZDFneo/!5611599/