Dominik-Graf-Film #Zielfahnder im #Ersten: Der Folklore erlegen

Die Komplizenschaft von Drehbuchautor Rolf Basedow und Regisseur Dominik Graf reicht zurück bis zur ARD-Kultserie „Der Fahnder“ und hat seither viele preisgekrönte Produktionen hervorgebracht. Für die Degeto-WDR-Koproduktion „Zielfahnder – Flucht in die Karpaten“ haben die beiden die bewährte Zusammenarbeit erneuert. Dabei sind ihnen nun aber gehörig die Pferde durchgegangen. Mehr dazu unter http://www.fr-online.de/tatort-spezial/-zivilfahnder—flucht-in-die-karpaten—ard-karl-may-festspiele-auf-der-schaeferalm,20719658,34949710,view,asFirstTeaser.html

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Post von Casdorff

Seltsame Zeilen finden sich im Web-Angebot des Berliner „Tagesspiegels“ mit Datum 23.9.2015. Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff schreibt dort unter anderem:

„Alle nehmen Anteil, alle sehen das Unglück, alle wollen helfen. Fast alle. Und das Fernsehen? Das Öffentlich-Rechtliche, wie niemand sonst berufen zur Berichterstattung, zur authentischen Nachricht, live, aktuell, spielt seine Stärke im Geschehen um die Geflüchteten, Schutzsuchenden nicht aus. Anstatt das Programm grundlegend zu ändern, Nachrichtensender zu sein mit Reportagen und Interviews zum Beispiel, von der österreichisch-ungarischen Grenze, wo ein kleiner Ort Tausende aufnimmt, bringen sie irgendeinen zeitlosen Krimi.“

Der Leser staunt und rätselt: Die vom Pressegesetz aufgegebene Sorgfaltspflicht vergessen? Ein Fall von Realitätsverlust? Billige Polemik, mal ein bisschen den Wagner markieren? Dann dämmert’s einem: Der Mann hat versehentlich Netflix angeklickt und mit einem Fernsehsender verwechselt. Verzeihlich, das kann natürlich mal passieren.

Foto: Arte/BBC 2013

 

Am 2.4.2015 zeigt Arte den preisgekrönten britischen Mehrteiler „The Wrong Mans“ und sendet sechs Episoden á 30 Minuten en suite. Sonderbar, diese Binge-Programmierungen: Warum eigentlich überhaupt noch die Aufteilung auf Episoden? Man könnte aus 180 Minuten Erzählzeit auch zwei 90-Minüter machen. Das wäre mal revolutionär – und es brächte ARD und ZDF auf Anhieb ganz nach vorne.

Bloß kein Kopfzerbrechen – Von Publikumsräten und Programmplätzen

Eine Meldung machte die Runde: Der „ZDF-Publikumsrat“ habe offiziell Beschwerde beim ZDF-Fernsehrat gegen Moderator Markus Lanz wegen dessen konfrontativen Verhaltens beim Gespräch mit seinem Talk-Gast Sahra Wagenknecht erhoben. Der „Süddeutschen Zeitung“ muss das Konzept eines „Publikumsrates“ so schlüssig erschienen sein, dass deren Redakteure das Gremium als Faktum ansahen. Und diesen Irrtum auch in ihre Berichterstattung einfließen ließen. Andere, vor allem boulevardeske Internetportale, taten es der Münchner Tageszeitung nach.

Einige haben sich inzwischen korrigiert, wenn auch beileibe nicht alle. Denn ein „Publikumsrat“ existiert in Deutschland gar nicht. Vielmehr wurde in privater Initiative von der Kommunikationswissenschaftlerin Dr. Christine Horz (Frankfurt/Erfurt) und der Medienpädagogin Dr. Sabine Schiffer (Erlangen/Berlin), deren „Schriftenverzeichnis“ auch Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Organen wie „Bild + Funk“, „Super TV“ und „Gong“ umfasst, eine Web-Seite geschaffen, die die Einrichtung eines „Publikumsrates“ fordert, diesem Vorhaben zuarbeiten soll und zu diesem Zweck auch bereits Spenden sammelt. Die Initiatorinnen verstehen den zu gründenden „Publikumsrat“, so formulieren sie auf ihrer Webseite, „als unabhängige Interessenvertretung und Mittlerin zwischen Publikum und Rundfunkanstalten“.

Ein „Publikumsrat“ sei nötig, weil „Programminhalte ausgedünnt“ würden und generell den Zuschauern als Geldgebern des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ein Mitspracherecht zustünde. Offen bleibt, wie ein solcher „Rat“ zusammengesetzt sein soll und wie und von wem seine Mitglieder bestimmt oder gewählt werden. In jedem Fall bauen die beiden Aktionistinnen auf den akademischen Bereich, wie sie schreiben: „Die Initiative ‚Publikumsrat‘ wird von Kommunikations- und Medienwissenschaftler/innen unterstützt und kann folglich die notwendige Fachkenntnis und Neutralität gewährleisten.“

Vage verweisen sie auf existierende „Publikumsräte“ in anderen Ländern wie etwa Österreich. Die allerdings sind nicht anders zusammengesetzt als öffentlich-rechtliche Rundfunkgremien in Deutschland: In Österreich beispielsweise treffen sich 36 Vertreter gesellschaftlich relevanter Gruppen wie Kirchen, Gewerkschaften, Sportverbände regelmäßig, um „Empfehlungen an die Geschäftsführung des ORF zur Programmgestaltung“ auszusprechen. „Darüber hinaus hat das Gremium ein Vorschlagsrecht betreffend die Volksgruppenprogramme und betreffend den technischen Ausbau des ORF“, heißt es in der Satzung. Folgt man diesem Modell, wird ein Gremium geschaffen, dessen Aufgaben in Deutschland bereits anderweitig vergeben sind und erledigt werden.

Vernachlässigt wurde in der Debatte bislang, dass es in Westdeutschland ähnliche Initiativen bereits gegeben hat. 1963 schlagzeilte die Presse, ganz ähnlich wie heute: „Fernsehverband wird aktiv. Gebührenzahler wollen Mitsprache“. Damals konkurrierten gleich mehrere Vereine darum, die Zuschauerschaft bei Hörfunk und Fernsehen vertreten zu dürfen. Die „Funk- und Fernsehfreunde e. V.“ (FFF) in Wuppertal beispielsweise verfolgten als Ziel die „Mitgestaltung und Mitberatung an den (…) Programmen aller Funk- und Fernsehsendungen“. Als Vorsitzender fungierte der Kaufmann und Nebenberufs-Komponist Hans Kölsch, der sogar eine Gesetzesänderung forderte, um den angeblich 3.000 Mitgliedern seines Vereins direkten Einfluss auf die Programmgestaltung zu ermöglichen. In etwas wirrer Diktion beschrieb er damals in einem Interview mit dem Süddeutschen Rundfunk seine Vorstellungen von einem verbesserten Programm: „Leichte Lektüre, leichtere Darbietungen. Meinetwegen gute Operetten. Oder sehr gute Fernsehspiele, die den Menschen im Prinzip erfassen. Aber die nicht so komplizierte Situationen darstellen, wie man das uns so manchmal inhaltlose Wiedergaben, die vollkommen desinteressiert sind.“ [Sic!] Weiterlesen

Denksportaufgaben und seltsame Allianzen

Manche Autoren der Web-Kolumne „Altpapier“ sind derart bemüht, über den Dingen zu stehen, dass manche ihrer Sätze ziemlich wolkig geraten. Zum Beispiel dieser hier: „Überlegt wird auch, das unter Sarkozy verhängte Werbeverbot nach 20 Uhr wieder einzuführen.“ Wenn das Werbeverbot doch bereits verhängt wurde – warum muss man es dann wieder einführen? Im selben Text wird übrigens einmal mehr der verbreitete Fehler begangen, die Lobbyarbeit der AG Dok mit programmlichen Ansprüchen an ARD und ZDF gleichzusetzen. Freie Dokumentarfilmer sind Unternehmer im Wettbewerb, die ihre finanziellen Interessen vertreten. Was noch lange nicht bedeutet, dass deren Produkte bzw. Produktionen per se qualitative Verbesserungen ergeben. Aber natürlich werden die bitteren Klagen der darum sehr wohl wissenden und entsprechend formulierenden AG Dok-Vertreter gern zitiert, wenn vor dem verkappten Hintergrund eigener wirtschaftlicher Interessen gegen gebührenfinanzierte Medien polemisiert wird. Erinnern wir uns jedoch, dass es in Deutschland mal ein ‚Verlegerfernsehen‘ gab und regional auch wieder gibt. Da war und ist für Dokumentarfilmer alter Schule freilich auch nicht viel zu holen.

Konspirativ im Namen des Herrn Hubbard

Heute empfehlenswert: Die Dokumentation „Die Spitzel von Scientology“, eine SWR-Produktion für Arte und die ARD (22.45 Uhr). Von der Arte-Version unterscheidet sich diese durch Kürzung der Passagen über die Machenschaften von Scientology in Frankreich zugunsten einer ausführlichen Berichterstattung über Griechenland und Russland. Klingt vielleicht zunächst exotisch, ist aber im Zusammenhang betrachtet durchaus sinnvoll. Außerdem spannend und in seiner Konsequenz ziemlich verstörend.

Sensationelle Vorpremiere

Man hat ja nicht viel zu lachen in diesen Tagen des Darbens und Verderbens und freut sich deshalb über jede Veröffentlichung des TV-Programmchronisten Jan Freitag, dem nach Hofnarrenart immer wieder die tollsten Späße gelingen. Ob aber dieser Mann der richtige ist, eine Sendung wie „Auf das Leben – Jüdisch in Deutschland“ (Samstag, 16.6.2012, 17.55 Uhr, Das Erste) zu besprechen? Die Antwort ergibt sich vielleicht, wenn man in Freitags entsprechendem Beitrag in der Printausgabe der „Frankfurter Rundschau“ lesen muss,  dass vor 43 Jahren der Bayerische Rundfunk die ARD gezwungen habe, den TV-Vierteiler „Holocaust“ – bei Freitag handelt es sich um eine „Serie“ – in die dritten Programme zu verschieben. Wo sie, was Freitag unterschlägt, bis zu 40 Prozent Einschaltquote erzielte. Das wäre nach Freitag dann also 1969 gewesen. Nun hatte „Holocaust“ aber erst 1978 in den USA Premiere. Da war die ARD ihrer Zeit aber ausnahmsweise meilenweit voraus.