Für Bildschirmleser

16. Februar 2014

In eigener Sache: Der Kriminalroman “Ein schöner Tag für den Tod” liegt nunmehr auch als E-Book vor. Demnächst bei allen Anbietern. Leseprobe und Kritiken bereits unter http://www.neobooks.com/werk/30476-ein-schoener-tag-fuer-den-tod.html.


Klimmzug zum Weltniveau

12. April 2014

(Anmerkung: Dieser Text wurde ursprünglich für die Reihe “Wochenendkrimi” der taz geschrieben, dort aber entstellt publiziert. Hier das Original:)

Da in letzter Zeit die Zahl der Experten für serielles Erzählen sprunghaft angestiegen ist, welche deutschen Fernsehschaffenden erklären, warum deren Serien nichts taugen, ist es schon allein aus marktstrategischen Gründen an der Zeit, antizyklisch zu argumentieren. Glücklicherweise wird das Vorhaben empirisch bestärkt: Die ZDF-Serie „Der Kriminalist“ erreicht zuweilen das Niveau britischer Spitzenproduktionen. Die Samstagsreihe „Kommissarin Lucas“ war immer schon gut, müsste allerdings häufiger ausgestrahlt werden, um als Fortsetzungsgeschichte zu funktionieren.
Das gilt auch für den Neuzugang „Kommissarin Heller“. 2014 werden nur zwei Filme mit Kommissarin Winnie Heller (Lisa Wagner) und ihrem Kollegen Hendrik Verhoeven (Hans-Jochen Wagner), die Romanen von Silvia Roth entstammen, gezeigt. Schade, weil man den Figuren gern auf den Fersen bleiben würde. Der erste Film führt sie zusammen. Heller hat sich zurück nach Wiesbaden versetzen lassen, um näher bei ihrer im Koma liegenden Schwester zu sein. Ein Handlungsmoment, das an die Anfänge von „Kommissarin Lucas“ erinnert. Die beiden Ermittler bekommen mit zwei Fällen zu tun. Ein Sonderling hat, was er gleich bekennt, seine Frau ertränkt. Kurz zuvor war ein kleines Mädchen unter den Augen der Mutter verschwunden.
Aus dieser Grundkonstellation entwickelt sich eine Handlung mit vielen feinen Beobachtungen und knappen, aber gewitzten Dialogen. Als Grundierung dient das Thema Eltern-Kind-Beziehung, breit aufgefächert, von Missbrauch bis Überbehütung.
Nicht zuletzt bezieht der Film seine Kraft aus der exzellenten Fotografie. Mit vollem Recht verzeichnet der Vorspann Hannes Hubach nicht als Kameramann, sondern als Bildgestalter. Murren freilich werden jene, die die Güte eines TV-Krimis danach bemessen, ob in den ersten Minuten ein Opfer verbrannt, gepfählt oder halbiert wird. Dergleichen gibt es diesmal nicht. Lobenswert.

„Kommissarin Heller: Tod am Weiher“, ZDF, 12.4.2014, Samstag, 20.15 Uhr

 

Nachträge (aus Platzmangel nicht in der Druckfassung erwähnt):

Anzukreiden ist den Filmschaffenden, dass auch sie wieder einmal die Schauspielerin Johanna Gastdorf in der Rolle einer Schmerzbeladenen besetzten. Wer wagt es und lässt die Aktrice mal etwas Anderes spielen?

Die beiden Anschlussfehler wurden natürlich nicht übersehen. Einmal blättert Winnie Heller in einer Art Tagebuch und trägt dabei Schutzhandschuhe, in der Nahaufnahme aber nicht. Und Anne Ratte-Polle in der Rolle der Yvonne Dahl zieht nach einem Perspektivwechsel die Wohnungstür ein zweites Mal schützend an sich heran, als ihre Mutter sie besucht.

Bei “Kommissarin Lucas” war es der Ehemann, der im Koma lag.


Netflix – Für weniger Geld mehr gucken?

8. März 2014

Unter Kommentatoren, die sich im Internet über das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem ereifern und vor allem gegen das deutsche Gebühren- bzw. Beitragsmodell wettern, gilt der US-amerikanische Videostreaming-Dienst Netflix als Heilsbringer, dessen Markteintritt in Deutschland sehnlichst erwartet wird. Manche versteigen sich sogar zu der Forderung, das Modell des öffentlich-rechtlichen Rundfunks durch das Netflix-Prinzip zu ersetzen. Das Trachten vieler Teilnehmer dieser Debatte richtet sich zugleich auf Serien-Erzählungen jener Art, die in den vergangenen drei Jahren viel Raum in hiesigen Feuilletons fand und natürlich auch von der Internet-Gemeinde begeistert aufgenommen und begleitet wurde – „Breaking Bad“, „The Wire“, „Game of Thrones“ etc.

Nun verbinden sich aber mit Netflix offenbar falsche Vorstellungen. Zwar beauftragt Netflix inzwischen selbst Produktionsfirmen mit der Herstellung exklusiver Serien und hat derzeit acht dieser Titel im Portfolio, doch ist das kommerzielle Unternehmen noch weit davon entfernt, ein vollwertiges, mit einem TV-Sender vergleichbares Programm bieten zu können …

Weiter geht es hier.


Vom Sexualleben der Belgier

5. März 2014

Ein ungewohnter Schauplatz im deutschen TV-Krimiangebot und heikle Themen, umgesetzt in einer Serienerzählung mit internationalem Niveau: Bei ZDFneo startet „Code 37“.

Eifrige Krimigucker könnten die Begegnung als Déjà-Vu empfinden. Der wiegende Gang, das Holster für die Dienstwaffe in Westernmanier seitlich geschnallt, Handschellen als weiteres Gürtelaccessoire. Und der Kameramann wählt gern die Amerikanische Einstellung, um das hauteng eingehüllte Gesäß der jungen Frau ins Visier zu nehmen.

In dieser Art, die man auf männliche Kriminalbeamte eher selten anwendet, wurde in der deutschen Reihe „Tatort“ die Frankfurter Ermittlerin Conny Mey (Nina Kunzendorf) in Szene gesetzt. Die begann ihren Dienst im Mai 2011 – zwei Jahre nach dem Start der belgischen Serie „Code 37“, deren Hauptfigur Hannah Maes (Veerle Baetens) mit ihrem herausfordernden Wesen fast wie ein Vorbild wirkt für die deutsche Kollegin.

Die Verwandtschaft der Kriminalistinnen beschränkt sich nicht auf das Erscheinungsbild. Bei beiden paaren sich Charme und Durchsetzungskraft, Empathie und Eigensinn. Wes Geistes Kind sie ist, zeigt sich schon beim ersten Auftritt von Hannah Maes. Selbstbewusst dringt sie an einen Tatort vor, übernimmt quasi im Vorbeigehen ihr neues Ermittlerteam und schickt ihren Kollegen von der Mordkommission nach Hause, denn bei dem Verbrechen handelt es sich um einen „Code 37“, ein Sittendelikt.

Fortsetzung hier.


Das schwächere Hausarztmodell

1. März 2014

Dr. med. Adam Schmidt (Lukas Gregorowicz) ist angestellter Arzt in der Kiezpraxis von Frau Dr. med. Eva Schmidt (Julia Hartmann); die beiden sind weder verwandt noch liiert. Aber das kann ja noch werden. Nicht zuletzt deshalb spielt Adam Schmidt seinem Nebenbuhler Imre Bohm (Florian Jahr) gern mal einen bösen Streich. Die Animosität hat allerdings noch einen anderen, schwerer wiegenden Grund: Adam Schmidt verlor seine Stellung in einer Klinik, weil ihm ein Behandlungsfehler zur Last gelegt wurde, den tatsächlich Imre Bohm zu verantworten hatte. Nur steht der nicht zu seinem Tun, sondern spottet sogar noch über den geschassten Kollegen.

Die Hausärztin Eva Schmidt kennt diesen Sachverhalt nicht, hält ihren Namensvetter aber trotz besagter Vorgeschichte für einen guten Arzt und bietet ihm daher Beschäftigung. Ihm blieb wenig anderes, als die Offerte zu akzeptieren. Leicht macht er es seiner Arbeitgeberin freilich nicht. Die findet ihren Kollegen schon mal nach durchzechter Nacht mit der Kanüle im Arm im vermüllten Behandlungszimmer. Der tätowierte, rauchende und eher arbeitsscheue T-Shirt-Mediziner weigert sich, einen weißen Kittel zu tragen; vor allem mangelt es ihm am nötigen Feingefühl. Eines aber beherrscht er gut: Die noch zarte Beziehung zwischen Eva Schmidt und Imre Bohm zu sabotieren.

Weiter geht es hier. Oder in der Printausgabe der “Funkkorrespondenz”.


Themenvorschlag für Politthrillerautoren

26. Februar 2014

Die Diskussion um den – in doppeltem Sinne – Fall des früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten und zeitweiligen Bundespräsidenten Christian Wulff ist rund um die Ausstrahlung des Sat.1-Films “Der Rücktritt” neu entflammt. Stefan Niggemeier thematisiert und analysiert in seinem Blog auf Basis des Buches “Der böse Wulff?” von Michael Götschenberg die Rolle der “Bild-Zeitung”. Eine Leserin des Blogs kommentiert: “Mich würde ja viel mehr interessieren, was die BLÖD während der Amtszeit Wulffs als MP in Niedersachsen NICHT geschrieben hat”.

Die immanente Frage ist vielleicht interessanter, als auf den ersten Blick sichtbar wird. Tatsächlich hatte sich der damalige Ministerpräsident Wulff eines Gesetzesverstoßes schuldig gemacht, als er auf die Versammlung der Niedersächsischen Landesmedienanstalt Einfluss nahm. Wulff sorgte dafür, dass der Verkaufskanal RTL Shop einen Platz im niedersächsischen Kabelangebot erhielt – als Gegenleistung für die Zusage des Unternehmens, den Sender mit circa 50 Arbeitsplätzen in Hannover anzusiedeln. Die Vergabe der damals noch analogen Plätze im Kabelnetz war und ist Sache eben jener Vollversammlung der Landesmedienanstalt, einer unabhängigen Anstalt öffentlichen Rechts. Eine Einflussnahme auf deren Entscheidung ist der Landesregierung gesetzlich untersagt. Die Fachzeitschrift “Funkkorrespondenz” recherchierte damals in dieser Sache, parallel und eigenständig auch ich. Drei Zeugen, zwei Mitglieder der Vollversammlung und ein Mitarbeiter der NLM, bestätigten die Einflussnahme der Landesregierung.

Nun sollte man annehmen, ein Gesetzesverstoß eines deutschen Ministerpräsidenten sei, auch wenn es ihm dabei um die Sicherung von Arbeitsplätzen ging, ein großes Thema für die Presse. Mitnichten. Zwar brachte die “Frankfurter Rundschau” meinen Text, aber in Kurzform, ganz klein unten auf der Medienseite. Die “Funkkorrespondenz” veröffentlichte im gleichen Zeitrahmen ausführlich zum Thema, allerdings in Sachen Gesetzesverstoß weniger konkret. Das war’s. Niemand nahm das Thema auf, weder “Bild” noch eine andere Zeitung. Wulff blieb verschont.

Das Verhältnis der Presse zu Wulff änderte sich eklatant mit dessen Wechsel ins Amt des Bundespräsidenten. Aber waren es allein die beleidigten Reaktionen der “Bild-Zeitung”? Ließen sich alle blindlings vom Boulevardblatt an der Nase hinter sich herziehen? Sogar ein geschenktes Spielzeug für Wulffs Kinder war jetzt ein Skandal. Und: Warum setzten sich plötzlich Wulffs Gönner und politische Freunde sprunghaft von ihm ab? Gibt es vielleicht mehr als nur einen zeitlichen Zusammenhang mit Wulffs bemerkenswerter, in seinen eigenen Kreisen umstrittenen Äußerung, dass der Islam wie das Christen- und Judentum zum heutigen Deutschland gehöre? Verschwörungstheoretiker und Politthriller-Autoren jedenfalls finden hier ein ergiebiges Thema. “House of Cards – The German Version”. Allerdings reine Spekulation und somit vielleicht eher ein Thema für Uwe Boll als für Nico Hofmann.

Nachtrag am 27.2.: Siehe auch http://www.ndr.de/regional/niedersachsen/hannover/wulffprozess125.html.


Die Grenzen der Showrunner

21. Februar 2014

Zur Debatte rund um das Serienschaffen in Deutschland, den skandinavischen und angelsächsischen Ländern lieferte “zukunft 1908″ einen Beitrag (siehe Kommentare zum Text “Bloß kein Kopfzerbrechen”). Viele Positionen entsprechen denen des Betreibers dieses Blogs. Es gibt dort aber auch eine Passage, die der Relativierung beziehungsweise Ergänzung bedarf: “Das Problem, das die deutsche Serie kaputt macht, sie im Vergleich zu ihren amerikanischen Konkurrenten erbärmlich erscheinen lässt, ist das Fehlen der Showrunner. Angelsächsische Serien haben eine Handschrift – von einem Kreativen. Da gibt es die Showrunner, die die kreative Verwantwortung tragen und die, wenn eine Serie richtig gut läuft, damit auch richtig gutes Geld verdienen können. Es ist in ihrem Interesse, dass ihre Serien geil werden, denn eine geile Serie füllt ihre Brieftaschen.”

Der sogenannte “Showrunner” ist seit einiger Zeit in deutschen Kulturfeuilletons zu einer Art Held geworden. In ihm meinen die Berichterstatter jene Autorenpersönlichkeit gefunden zu haben, die offenbar unabdingbar zu sein scheint für das Entstehen hochwertiger Kunst. Dabei gibt es längst schon in allen künstlerischen Bereichen auch hochrangige Werke, die aus kollektiver Tätigkeit hervorgegangen sind. Doch das wird seit je in der Filmkritik mit ihrem starren Blick auf den Regisseur vernachlässigt, nun auch bei der Fernsehproduktion. Bei Kinorezensionen ist bezeichnend, dass noch immer vom Autorenfilm und der Autorentheorie die Rede ist, obgleich die Kritiker der “Cahier du Cinema” in Wahrheit von einer “Autorenpolitik” gesprochen hatten. Und der große Kinofilm ist so gut wie immer eine Ensembleleistung. Die alljährliche “Oscar”-Verleihung mit ihren Preisen für die diversen Gewerke macht es anschaulich, aber manche Kritiker nehmen es noch immer nicht zur Kenntnis.

Unter anderem deshalb blickten die Feuilletons jahrzehntelang mit Verachtung aufs Fernsehen: Es war dort nicht auf Anhieb ein Autor, eine Künstlerpersönlichkeit auszumachen, die vergöttert werden konnte. Zwei Dinge änderten die Rezeption: Neue Vertriebsarten wie DVD und Internet, die eine Serienstaffel komplett und damit als kohärentes Werk verfügbar machte. Und die Entdeckung, dass in der Serienproduktion anders als im Kinobereich nicht der Regisseur als zentrale kreative Kraft agiert, sondern der Autorenproduzent, der nicht zwingend mit dem Schöpfer, dem “Creator” identisch sein muss.

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Kultserien: “Einsatz in Manhattan” (“Kojak”)

19. Februar 2014

Zwischen 1973 und 1978 war Theopodophilous Kojak, ein New Yorker Police Lieutenant griechischer Herkunft, tätig im 13. Revier im Stadtteil Manhattan South, einer der weltweit populärsten Polizeibeamten. Über hundert Länder übernahmen die vom Start weg erfolgreiche Serie, und in den englischsprachigen Ländern gingen Kojaks flappsige Sprüche rasch in den allgemeinen Sprachschatz ein, wiederkehrende Phrasen wie “Who loves ya, baby?” und die unverschämte Anrede “Pussycat”. Über alle Sprachgrenzen hinweg verständlich war ein anderes Markenzeichen: der Lollipop, ursprünglich ein Substitut für Kojaks Zigarillos, die den Unmut gesundheitsbewusster Zuschauer erregt hatten. Im Verlauf der Serie griff der “bei deutschen Frauen hochgeschätzte sexy Kahlkopf” (Der Spiegel, 1975) schließlich häufiger zur Süßware als zur Dienstwaffe. Seine Fans taten es ihm nach: Auf dem US-Markt stieg der Absatz der Bonbons am Stiel um 500 Prozent. In den ab 1989 gedrehten Fortsetzungen musste der oralfixierte Ermittler dann allerdings auch auf seinen Lolli verzichten – zahnärztliche Organisationen hatten eingedenk des bekannten Nachahmungseffekts vor einem Anstieg der Karieserkrankungen gewarnt.

Ursprünglich war dem widerborstigen New Yorker Cop, der stets im maßgeschneiderten Zwirn zum Dienst erschien, nur ein einmaliger Auftritt in dem dreistündigen TV-Movie “The Marcus-Nelson Murders” (USA 1973) zugedacht gewesen. Das Dokumentardrama basierte auf einem Buch mit dem Titel “Justice in the Back Room. Darin beschrieb der Autor Selwyn Raab einen authentischen Kriminalfall, der als “Wylie-Hoffert-Fall” in die Justizgeschichte eingegangen war und 1966 zu einer Strafrechtsänderung geführt hatte. In der fiktionalisierten TV-Version wird ein schwarzer Jugendlicher fälschlich einer Vergewaltigung bezichtigt. Mit unzulässigen Verhörmethoden zwingt man ihn, einen Doppelmord zu gestehen, der mit seinem Fall nicht das Geringste zu tun hat. Der unorthodoxe Police Lieutenant Kojak kennt die Hintergründe des falschen Geständnisses und setzt alles daran, die Unschuld des Jungen zu beweisen. Infolge seiner Bemühungen wird der Beschuldigte vom Mordvorwurf freigesprochen. Um jedoch die Schlappe wettzumachen, erheben Polizei und Staatsanwaltschaft erneut Anklage wegen Vergewaltigung. Mit einer geänderten Prozesstaktik gelingt es ihnen, die Geschworenenjury zu überzeugen. Der Junge wird verurteilt. Resigniert kehrt Kojak zu seiner Routinearbeit zurück.

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